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Stuart Turton – Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Im entlegenen Landhaus Blackheath bittet die Familie Hardcastle zum Maskenball. Sie feiern die Rückkehr ihrer Tochter Evelyn aus Frankreich. Doch der Abend wird von einem Todesfall überschattet: Evelyn Hardcastle stirbt am Abend vor den Augen der Gäste.

Das klingt nach einem klassischen Plot für einen englischen Landhauskrimi. Nur: Das ist es gar nicht! Jedenfalls nicht so, wie man es nach dem Intro sofort vor Augen hat. Stuart Turton hat nämlich einen Landhauskrimi geschrieben, der nur in Teilen dem klassischen Muster Mord—Ermittlung—Auflösung folgt. Der Tod von Evelyn Hardcastle wird sich Abend für Abend wiederholen. So lange, bis jemand herausfindet, wer dahinter steckt.

Es erinnert an den Film “Und täglich grüßt das Murmeltier“, wo Wettermann Phil Connors dank einer Zeitschleife jeden Tag aufs neue die Chance bekommt, zu einem besseren Menschen zu werden. Wer sich, wie ich, zu sehr auf dieses Muster verlässt, fällt nach einer gewissen Zeit auf die Nase. Der raffinierte Aufbau bei Stuart Turton geht noch einen Schritt weiter. Der zunächst namenlose Mann, der den Tod von Evelyn Hardcastle aufklären soll, erlebt jeden Tag obendrein im Körper eines anderen Gastes.

Ein einzigartiger und komplexer Aufbau

Jeder Tag wird also zu einer neuen Herausforderung. Jeder Gast, mit dem er “zusammenarbeiten” muss, ist völlig anders unter den Gästen positioniert. Da kann es schon mal passieren, dass an sich gesprächige Zeuginnen am anderen Tag lieber wegrennen statt mit ihm zu reden. Der junge Mann ist verwirrt, der Leser mit ihm und Turton kombiniert diverse Finten, um die Spannung über das gesamte Buch hinweg hoch zu halten.

Mehr will ich zu dieser Story gar nicht schreiben. Es würde das Lesevergnügen wahrhaftig schmälern, wüsste man zuvor schon zu viel von dem, was einen erwartet.

Die Wahrheit ist: Die eigentliche Prüfung steht Ihnen noch bevor. Aber bald wird es soweit sein. Und wenn Sie sich verändert haben, wahrhaftig verändert haben, dann … ja, wer weiß. Dann gibt es vielleicht noch Hoffnung für Sie.

Zwei Sachen noch, vor dem Finale: In meinem Ebook finde ich die Übersetzerin nicht. Ich habe extra per Suchfunktion geschaut, nachdem ich sie auf der Verlagsseite nachgeschlagen hatte: Niente. Außerdem gibt es im Hardcover offenbar “Grundrisse beider Stockwerke von Blackheath House. Dort sind bei Funktionsräumen deren Zweckbestimmung, bei Wohnräumen deren Bewohner vermerkt.” Quelle: Krimi-Couch. Ich verlinke nicht, die spoilern mir zu sehr … 😉 Auch die genannten Grundrisse fehlen in meinem Ebook. Ich selber hatte erst im Nachhinein davon gelesen, “gefehlt” haben sie mir für das Verständnis nicht. Trotzdem wäre es freilich besser, wäre das Ebook komplett.

Um das Leben von Evelyn Hardcastle zu retten, geht das Buch auf eine komplexe Achterbahnfahrt. Es trügt, blendet und verschiebt Perspektiven Kapitel für Kapitel. Der junge Mann im Buch ist an vielen Stellen nicht viel klüger als der Leser. Die Tatsache, dass man selbst das Geheimnis von Blackheath genauso spät verstehen wird wie der Protagonist, trägt erheblich zum Pageturner-Effekt bei. Das Buch hat mich wirklich umgehauen und nicht mehr losgelassen. Bitte vertraut mir einfach, auch ohne dass ich viel mehr Worte zum Inhalt verliere: Es ist ein komplexes, großartiges, temporeiches, verwirrendes, spannendes, einzigartiges Highlight.

Bibliografische Angaben

Verlag: Tropen
ISBN: 978-3-608-19166-0
Originaltitel: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle
Erstveröffentlichung: 2018
Deutsche Erstveröffentlichung: 2019
Übersetzung: Dorothee Merkel

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