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Foto: Pim Chu / unsplash

Bettina gibt auf – manchmal jedenfalls …

Bei Büchern gebe ich selten auf. Ich kann stur und hartnäckig sein, mein famoses Frustrationspotenzial ausreizen und mich durch ein Buch wühlen. Am Ende muss ich eben doch wissen, wie’s ausgeht.

Manchmal aber stocke selbst ich so sehr, dass ich wirklich nicht mehr weitermag. Da hilft auch jahrelange Erfahrung mit staubtrockenem Textmaterial keine Zeile mehr weiter. Manchmal bekommt ein Buch eine zweite Chance, doch das hilft nicht immer gegen Aversionen, die sich vor allem während des Liegenlassens besonders fruchtbar entwickeln.

Ich weiß, ich weiß, viele klappen ein Buch nach fünfzig bis hundert Seiten zu, wenn sich kein Sog entwickelt und ich höre schon die Ermahnungen, es gefälligst auch so zu machen. Wertvolle Lesezeit und so. Ich kann’s nicht so einfach, das Abbrechen, da bin ich hartnäckig, zumal manch ein Buch tatsächlich noch die Kurve kriegt – und diese Kurve suche ich bei jedem Buch nun und freue mich für das Buch, wenn es diese Kurve gibt.

Ein paar Kandidaten, bei denen es “von wegen Kurve” doch nicht funken wollte, stelle ich euch heute zur Abwechslung zwischen all den fertig gelesenen Titeln vor. Ihr wisst, dass ich echt alles gegeben habe …

Paul Colize - Back upPaul Colize – Back up

Was hatte ich mich in dieses Cover verguckt, angefertigt nach dem Muster des französischen Originals. Was klang der Klappentext großartig: Vier Mitglieder einer Band sterben kurz hintereinander an verschiedenen Orten. Keiner findet es sonderlich mysteriös. Erst die Hartnäckigkeit der Hinterbliebenen fördert den Kontakt zu einen Journalisten zutage, der das mysteriös genug findet. Vierzig Jahre später wird ein Patient mit Locked-in-Diagnose in einer Klinik eingeliefert. Klingt nach einer fabelhaften Grundlage für Spannung und eine Zeitreise.

Das war nur nichts. Der Journalist kam erst nach 105 Seiten ins Spiel. Bis dahin erzählt das Buch die letzten Tage der jeweiligen Musiker, ein paar Details zu ihrer Wohnsituation und ihren Werdegang. Dazu gibt es Einblendungen eines zunächst namenlosen Buben, der sich im Selbststudium zu einem großartigen Schlagzeuger entwickelt. Familiengeschichte, Kindheit, erste Auftritte. Und dann ist da noch Midi X. Unter diesem Namen wird der Locked-in-Patient behandelt. Kommunizieren kann der Mann zwar nicht, aber die Gedanken von Midi X übernimmt eben das Buch.

Spannung in der Aneinanderreihung? Fehlanzeige. Nicht einmal interessant fand ich das was, auch nicht die Zeitreise in die Sechziger. Als der Journalist endlich da ist, war für mich schon der Ofen aus. Die Frage, was hinter der Story steckt, wollte ich mich Blättern lösen, doch das entpuppte sich als wirre Nummer, bei der Verschwörungstheorien auftauchten und Anderes, sodass nicht einmal das Spaß machte. Löblich ist allerdings (für die, die durchhalten, ein Verzeichnis aller Songs, die auftauchen, und eine kleine Liste von Musikerbiografien). Gekommen bin ich immerhin bis Seite 131 (von 347).

Verlag: Edition Nautilus
ISBN: 978-3-894-01822-1
Originaltitel: Back up
Erstveröffentlichung: 2012
Deutsche Erstveröffentlichung: 2015
Übersetzung: Cornelia Wend

Lasha Bugadze - Der LiteraturexpressLasha Bugadze – Der Literaturexpress

Wie schon der Vorgänger ist auch dieser Titel einer, an dem ich wegen des auffälligen Covers hängengeblieben war. Dazu kam die Tatsache, dass es von einem georgischen Autor stammt und einer Georgierin übersetzt wurde, die hier einen großen Namen hat: Nino Haratischwili, und dann war ja Georgien auch noch Gastland der Frankfurter Buchmesse 2018.

Die Geschichte geht so: Der Autor Zaza wird als einer von 100 europäischen Autoren eingeladen, per Zug eine Literatur- und Lesereise durch europäische Metropolen zu machen. Warum ausgerechnet er fahren darf, versteht er allerdings nicht, weil er am georgischen Literaturhimmel eigentlich ein ziemlich kleines Licht ist und andere Autoren sicher mehr vorzuweisen hätten. Aber nun gut, so ein Angebot ist schwer auszuschlagen.

An Bord finden sich pro teilnehmendem Land je zwei Autoren sowie eine Reihe Organisatoren. Unterwegs wird viel geschrieben, denn nebenher soll auch eine Anthologie zu dieser Reise entstehen. Zaza diskutiert, absolviert Besuchsprogramme und liest vor, macht sich Gedanken, weil seine Lesungen auf Georgisch ohnehin keiner versteht und schleicht der einzigen Frau hinterher, die im Zug attraktiv erscheint. Die ist dummerweise mit dem Mann verheiratet, der Zazas Werk eventuell übersetzen würde. Ob es in der Geschichte noch soweit kommt, fand ich nur nicht heraus. Mir fehlte der Zündfunke komplett, um bis zum Ende bei einer farblosen Fahrt dabeibleiben zu wollen. Mir erschien das Buch mit zuenhmendem Fortschritt der Reise doch recht repetitiv. Gekommen bin ich bis Seite 176 (von 315).

Verlag: Ullstein
ISBN: 978-3-548-29088-1
Originaltitel: ლიტერატურული ექსპრესი (sieht einfach fabelhaft aus!)
Erstveröffentlichung: 2009
Deutsche Erstveröffentlichung: 2016
Übersetzung: Nino Haratischwili

Andreas Merkel – Mein Leben als Tennisroman

Der Autor Arthur Wilkow reist durch die Lande. Gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin E. treibt es ihn über Hawaii; er reist zu Lesungen nach Ostdeutschland und Norddeutschland, nebenher in Gedanken seinen neuen Roman entwerfend. Dafür hat er Notizbücher, die mit Skizzen gefüllt werden: Der junge Tennisspieler Lenz soll zu seiner Hauptperson werden.

Aber der Tennisroman soll gleichzeitig sein eigenes Leben abbilden, das von Wilkow. Damit da was passiert, reist der Autor zum Beispiel nach Hawaii, erklärt sein Notizbuchsystem, streitet sich mit der Freundin, leiht einen Mietwagen, vergisst etwas im Hotelzimmer … und überlegt nebenher, wie er seine Figuren anlegen soll. Der Roman sei zu Nicht-Ichig, wird er sich zwischendurch beklagen. Die Lektorin fragt freilich nach, wie das so ist, mit dem kommenden Buch und wird vertröstet. Auf einer Lesung kann er dann natürlich auch nichts aus seinem kaum existierenden Fragment lesen.

Was habe ich dieses Buch weggelegt, wieder angefangen, weggelegt, wieder angefangen, weggelegt, wieder nicht damit warm geworden, weggelegt, wieder zwei Seiten, weggelegt … bis ich’s irgendwann nicht mehr konnte. Der fiktionale Autor überlegt, ob der Tennisplatz nicht nur ein Tennisplatz sei, sondern vielleicht symbolisch stehe für etwas viel Größeres: “… eine Art Traumlandschaft. Der Traum wäre dann eine Geschichte, die den Autor so lange verfolgt, bis sie irgendwann nicht mehr von einer Geisteskrankheit zu unterscheiden ist. Diese Geschichte ist der Tennisroman.” Mit dieser “Selbsteinschätzung” lasse ich euch jetzt stehen. Geschafft habe ich etwa ein Drittel (von 304 Seiten).

ISBN: 978-3-351-05061-0
Erstveröffentlichung: 2018
Verlag: Blumenbar

 

2 comments

  1. Unbedingt ist es spannend!

    Ich würde es vermissen, nicht immer wieder auf manchmal absolut gegensätzliche Meinungen zu treffen. Wenn andere Menschen andere Blickwinkel einbringen, merke ich, wie man eine Szene, einen Roman alternativ verstehen könnte. Ob ich das dann immer nachvollziehen oder verstehen kann, ist nicht gesichert. Aber alleine dieser Perspektivwechsel oder die Erkenntnis, wie ein Text bei anderen ankommt, ist für mich wichtig.

    Du hast dieses Buch nicht zufällig rezensiert, sodass ich den Text hier verlinken könnte, oder? Ich habe gerade bei dir gesucht, aber nur einen Verlagslink bei der Empfehlung gefunden.

    Schöne Grüße, Bettina

  2. Wirklich spannend, wie sich die Leseerfahrungen unterscheiden können. “Back up” fand ich einen hochgelungenen und mindestens ebenso spannenden Roman, den ich am Stück verschlungen habe. Aber das ist ja auch der Reiz am Bloggen, unsere unterschiedlichen Blicke auf gleiche Titel …
    Beste Grüße, Marius

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