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Daniel Friedman - Der Alte, der die Rache liebte

Daniel Friedman und die Page 99

… wirklich nicht, dass da etwas dran ist.

Zwei Seiten, die im Anschluss an den halben Satz zum Einstieg mit einem versuchten Rauswurf beginnen. “Wenn Sie also autrinken könnten und den Weg nach draußen fänden …” Erfreulich ist die Situation offensichtlich nicht. Immerhin ergibt sich ein Gespräch, als der (in diesem Abschnitt) namenlose Erzähler einen bevorstehenden Raubüberfall erwähnt. Das sorgt weniger für Unruhe bei Bankdirektor Charles Greenfield. Mehr schon bei dessen Assistanten Riley Cartwright. Das Stichwort Überfall reicht, damit der Rauswurf dann doch nicht so eilig ist.

Das Ganze spielt sich höchstwahrscheinlich in Tennessee ab. Der Direktor erwähnt regelmäßige Bargeldtransporte aus Nashville und die werden sicher nicht unnötig weit sein. Südstaaten? Da fällt zwei Mal das N*Wort und ich hoffe mal, dass es nur dazu dient, den Direktor als reaktionär und überheblich zu charakterisieren. So wie bei “arbeitsscheues Gesindel” und so beleidigend, wie er sich seinem Assistenten gegenüber äußert. Wie wird das in US-amerikanischer Literatur gehandhabt? Ich weiß es nicht.

Dieses kurze Gespräch reicht bei mir erst einmal aus, um dem Erzähler eine Rolle anzudichten. Ob sie stimmt? Es riecht jedenfalls zunächst förmlich danach, als sei er selbst derjenige, der den Raubüberfall durchziehen möchte. Erst so tun, als wolle man helfen, dabei die Infos abgreifen und dann zuschlagen: Der Assistent erzählt freiwillig, welche Summen im Haus sind. Der Direktor erzählt von eben jenen Geldtransporten und wann sie kommen. Er berichtet, wozu das Geld benötigt wird. Wenn das keine Einladung für den Erzähler ist: “Ich widmete mich erst mal einer Rechenaufgabe.” Er lässt es sich derweil mit Whiskey gutgehen und schnippt die Zigarettenasche auf den Teppich (trotz Aschenbecher). Ein besonders rücksichtsvoller Zeitgenosse scheint auch er nicht zu sein.

Ein bisschen hilft mir vielleicht der Klappentext (mehr als die Seiten 98 und 99 darf ich ja nicht lesen): Es gibt Elijah, einen legendären Kriminellen, der vor Jahrzehnten einen Bankraub begangen hatte. Es gibt Buck, der den Coup nicht verhindern konnte. Dazu eine Bemerkung im Text: “Das Bargeld unter uns im Tresor übersteigt die Summe, die ein Detective der Polizei von Memphis im Lauf seiner zwanzigjährigen Berufsausübung nach Hause nehmen konnte.” Würde sich ein Bankräuber mit einem Detective vergleichen? Vielleicht liege ich ja falsch und der Erzähler ist in Wirklichkeit jener Buck, der es Elijah dieses Mal wirklich versauen will. Eine gewisse Spannung steckt in diesen zwei Seiten (2 von 314) auf alle Fälle.

Warum übrigens die Seitenzahlen extra so “modern” gesetzt wurden? Vielleicht eine Anpassung an das Satzbild vom Cover? Trotzdem will für meine Augen diese unterstellte Abstimmung nicht so recht passen.

Die Arbeiter bei …

Das Buch

Daniel Friedman – Der Alte, der die Rache liebte
Verlag: Aufbau
ISBN: 978-3-7466-3298-8
Originaltitel: Don’t ever look back
Erstveröffentlichung: 2014
Deutsche Erstveröffentlichung: 2017
Übersetzung: Teja Schwaner

“Open the book to page ninety-nine and read, and the quality of the whole will be revealed to you.”
Ford Madox Ford

Im angelsächsischen Raum kennt man den Page 99-Test gut; der Blog Page 99 Test widmet sich aussschließlich dieser Idee. Im deutschsprachigen Raum nutzt Tell das Ford’sche Konzept. Bleisatz erweitert auf zwei Seiten und nein, es ist keine Rezension. Es ist eine Momentaufnahme dessen, was ein Textfragement mit mir als Leserin macht — zu einem Zeitpunkt, an dem die Story fortgeschritten ist, die Personen längst eingeführt sind.

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