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Altstadthäuser in der Provence. Foto: Thomas Ulrich, pixabay

Provence entdecken mit Peter Mayle

Ich stand irgendwo auf dem Weg zum Vordiplom, als mir eine Tante ein Buch in die Hand drückte, das ich unbedingt lesen sollte. Da ich als Einzige in der Familie ordentlich Französisch sprach und für das Nachbarland eine echte Schwäche hatte (und noch habe …), war ich die perfekte Adressatin dafür. Das Buch hieß “Mein Jahr in der Provence”. Vom Autor hatte ich noch nie gehört: Peter Mayle.

Die Tante hatte Recht, das Buch war genau richtig. Dieser Peter Mayle machte das, was ich außer in ein paar Wochen Ferien nie tun konnte. Er lebte in einem Landstrich, der aus dem fernen Karlsruhe ziemlich lässig wirkte und in dem meine bevorzugte Fremdsprache gesprochen wurde. Den Charme der alten Städte in dieser Region mochte ich einfach. Ich fand es nur ein wenig seltsam, dass jedes Kapitel im Buch mit einer Federzeichnung eingeleitet wurde. In dieser Hinsicht war ich deutlich profaneres gewohnt.

“Sind sie das wirklich?”

Das Buch mochte nicht nur ich. Ich habe gelesen, dass konservativ kalkulierte 3000 Exemplare des Debuts gedruckt worden waren. Über die Jahre summierte sich die Auflage Jahr für Jahr auf mittlerweile über 6 Millionen in mehr als ein Dutzend Sprachen.

Im Austausch mit der Tante fand ich heraus, dass das Buch nicht nur ein Bestseller an sich war. Selbst wir hatten begriffen, dass Mayle sein Haus in Ménerbes ziemlich gut beschrieben hatte. Die Ruhe, die er bei seinem Umzug 1987 gesucht hatte, war nach dem Erfolg des Buchs wenige Jahre später praktisch im Eimer. Zwei Jahre nach “Mein Jahr in der Provence” legte Mayle mit “Toujours Provence” obendrein nach. Die Region Lubéron wurde mit Touristen überflutet. Viele Leute standen sogar direkt bei ihm auf der Matte und wollten einfach mal Guten Tag sagen. Ich konnte sowas zunächst nicht glauben, aber inzwischen kenne ich jemanden, der das bei Toni Sailer probiert hatte, mit dessen Mutter gequatscht hatte und ich wundere mich über gar nichts mehr. Hätte man damals schon Google Maps gehabt, wären noch viel mehr Leute bei ihm “auf der Terrasse gewesen”.

Bei Mayles hätte ich selbst sicher nicht vorbei geschaut, aber seine Bücher füllten glücklicherweise immer wieder meinen Südfrankreich-Pegel auf. Ich glaube ja, dass man solche Sehnsuchtsorte auch ein Leben lang behält.

Ich habe vor Kurzem eben dieses “Mein Jahr in der Provence” wieder in die Hand genommen und ich finde es nach wie vor sehr charmant. “Der Coup von Marseille” steht ebenfalls noch in meinem Regal, während andere Titel wie “Hotel Pastis” oder “Cézanne gesucht” einigen Umzügen in vielen Jahren zum Opfer fielen. Manche von euch wissen, dass ich mich von Büchern ziemlich gut trennen kann. Dass Mayle nach all den Jahren noch im Regal vertreten ist, heißt bei mir also wirklich etwas.

Der Urvater der Südfrankreich-Romane

Während Peter Mayle einige Jahre nach dem bahnbrechenden Bucherfolg aus Ménerbes flüchtete, zogen andere Engländer nach, magnetisch angezogen vom Charme der Bücher. Anfang der 1990er folgte Stephen Clarke. Dessen Titel “A year in the merde” verschenkte ich, als der Betreffende bei einem französischen Konzern zu arbeiten anfing. Weitere schreibende Briten mit neuer Wahlheimat sind unter anderem Peter May (Languedoc), Sarah Turnbull, Anthony Coles (Provence) oder Vanessa Couchman. Der mittlerweile bekannteste dürfte hierzulande auf alle Fälle Martin Walker sein: Was Mayle für die Provence ist, ist Walker für das Périgord.

Bill Bryson äußerte in einem Interview sinngemäß, dass Bücher dieser Art seit Peter Mayles Erfolg gerne von Verlagen eingefordert würden, weil sie wirtschaftlich so vielversprechend seien. Die erwähnte Aussage stammt von 2004 und ein Ende dieses Trends ist für mich bis heute nicht zu spüren.

Ohne Provence geht es nicht

Cover zu: Peter Mayle - My twenty-five Years in Provence

Peter Mayle hielt es nur ein paar Jahre außerhalb der Provence aus. Irgendwann kehrte er zurück und zog in die Region Luberon. Dieses Mal aber verriet er den genauen Ort seinen Häuschens nicht mehr. Jedenfalls war es irgendwo in der Nähe von Lourmarin, einem kleinen Dorf, das zu den Plus beaux villages de France zählt (und wo übrigens auch Albert Camus gelebt hatte).

2002 zeichnete seine Wahlheimat Frankreich Peter Mayle für die kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Kultur mit dem Chevalier de la Légion d’honneur aus.

Peter Mayle wäre am 14. Juni dieses Jahres 80 Jahre alt geworden. Der Autor starb im Januar 2018. Vor seinem Tod stellte er noch ein Buch fertig. Dessen Veröffentlichung aber erlebte er nicht mehr; im Juni 2018 erschien “My Twenty-five Years in Provence. Reflections on Then and Now” (bei einem Imprint von Penguin Randomhouse). Einen deutschen Veröffentlichungstermin habe ich allerdings noch nicht gefunden. Auch stelle ich fest, dass seine Bücher auf Englisch noch am besten repräsentiert sind.

Doch wer weiß, ob der Südfrankreich-Pegel nicht doch bald wieder zuverlässig von Peter Mayle und seiner ansteckenden Liebe zu diesem Landstrich gefüllt wird. Er konnte nicht ohne Provence sein und ich will das, wenn ich’s mir recht überlege, auch nicht.


Titelfoto: Thomas Ulrich / pixabay

2 comments

  1. Liebe Bettina

    oh ja, an Peter Mayle und seine Bücher mag ich mich auch gut erinnern – sie waren Verkaufsschlager bei uns; zu recht. Erst vor etwa 4 Jahren hab ich nochmals einen Krimi von Mayle gelesen. Er war der gross Vorreiter für all die Romane und Krimiserien, nicht nur “Bruno, chef de police”, die sich in den letzten Jahren auf dem Buchmarkt niedergelassen haben. Die Sehnsucht ist auch nach 30 Jahren gleich gross!

    Liebe Grüsse
    Anya

    1. Liebe Anya,

      Provence-Schwester im Geiste! Es ist speziell um Mayle zwar ruhiger geworden, aber vielleicht ändert sich das ja noch mit dem 25 Jahre-Memoir. Das erschien 2018 im Original auf Englsich, selbst auf Chinesisch habe ich das schon auf Instagram entdeckt und ich hoffe freilich, dass es das bald auch auf Deutsch gibt.

      Es war wirklich schön, nach so vielen Jahren ein Buch von Mayle zu lesen und sagen zu können: Gefällt mir immer noch. Das ist nicht immer der Fall.

      Liebe Grüße
      Bettina

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