Loading
Intermezzo IX

Intermezzo IX

Patrick Tschan – Der kubanische Käser

Aus Liebeskummer wegen Heidi betrinkt sich der 16-jährige Noldi Aberhalden auf der Alm oberhalb Alt-St. Johann. Sturzbetrunken macht er sich wieder auf den Weg ins Tal. Dort schlittert er buchstäblich in die Fänge eines Anwerbers der Armee. Gegen das Versprechen, noch mehr Schnaps zu bekommen, setzt er irgendwo drei Kreuze, ohne natürlich zu begreifen, dass er sich damit für 10 Jahre als Söldner verpflichtet. Das Begreifen ist buchstäblich eine Ernüchterung.

Es ist 1620 und die katholischen Spanier sammeln für den Kampf gegen die Protestanten. Aus seinem Dorf kennt Noldi es eigentlich nur so, dass man sich gegenseitig in Ruhe lässt, aber viele Landsleute sehen das anders. Noldi zieht also mit einer Handvoll anderer Unglücksraben ins Fort und trainiert. Als er in die erste Schlacht gerät, rettet er dem Heerführer auf so sonderbare Art das Leben, dass er als Kriegsheld gefeiert wird. Sein Ehrenaufenthalt am Spanischen Hof allerdings wird gefährlich. Er wird nach Kuba verbannt, wo er den Rest seiner Dienstzeit Rinder hüten soll.

Dass da kein ausführlicher Historienschinken wartet, ist klar, sobald man das Buch in der Hand hält: Tschan packt seine Story über 10 Jahre Soldatenleben auf etwa 240 Seiten. Statt dessen liefert er eine pralle Lebensgeschichte ab, die ich eigentlich nur an einer Stelle Ernst nehmen kann: Nämlich bei Noldis schon erwähnter Feststellung, man fahre dann am besten, wenn man den anderen in Ruhe leben lasse. Der Rest: Schamlose Übertreibung und Phantasie.

Das sorgt gleichzeitig für einen wahnsinnigen Lesespaß, weil es skurril ist, und zwischendurch leichtes Genervtsein, weil manches repetitiv ist oder vielleicht auch nicht meinen Humor trifft. Zum positiven Spaß gehört zum Beispiel die Art und Weise, wie er nun das Leben des Heerführers rettet. Baron Münchhausen ist erst 100 Jahre später unterwegs, aber die Story könnte von ihm sein. Zu den repetitiven gehört Noldis ewiges Verlangen nach einem “Murmeli”, wobei mir nie klar geworden ist, was das sein soll — Noldi begreift es ja selbst nicht. Er landet mit allen möglichen Frauen im Bett auf der Suche danach, es gewittert parallel jedes Mal dabei … Seine Zeitgenossen jedenfalls waren ebenfalls eher genervt. Insgesamt aber überwiegt zum Glück der Lesespaß dank des hohen Tempos, der ulkigen Ideen (wie gesagt, außer dem Gewittermurmeli) und der Art, wie Noldi irgendwie immer die Kurve kriegt und aus allem das Beste zu machen versucht.

Verlag: Zytglogge
ISBN: 978-3-7296-5005-3
Erstveröffentlichung: 2019

Katrine Engberg – Blutmond

In Kopenhagen sind wieder Anette Werner und Jeppe Kørner auf der Suche nach einem Mörder unterwegs. Ein sehr perfider dieses Mal, denn die Opfer sterben an den Folgen entsetzlich verätzter Speiseröhren. Zwei der Opfer stammen aus der Modeszene und als die Ermittler deren Leben ein wenig näher kennenlernen, finden sie vor allem bei einem der beiden viele denkbare Motive für einen Mord. Nach einer Weile wissen sie vor lauter Motiven fast nicht mehr weiter. Allerdings passt kaum ein Motiv, dass den einen Mord erklären würde, zum dem zweiten Mord. Zusammenfügen lässt sich da lange Zeit nichts.

Ganz so einfach macht es Katrine Engberg den Ermittlern erneut nicht. Stückweise entwirrt sie die Fäden, viele Personen in Nebenrollen erhalten früher oder später eine Bedeutung im Drama. Der Leser kennt so manche Figur also schon, bevor die Polizei weiß, mit wem sie es zu tun bekommt. Schon in Krododilwächter hatte sie den Dreh raus, Personen raffiniert miteinander zu verknüpfen und falsche Fährten zu legen.

Tatsächlich hatte sie nicht gewusst, dass nicht der Mond leuchtete, sondern von der Sonne beleuchtet wurde. Aber so war es ja oft, etwas leuchtete und zog die Aufmerksamkeit auf sich, doch verantwortlich dafür war etwas ganz anderes.

Blutmond liest sich gut. Ich mag das, wenn mich ein Buch richtig durch die Seiten zieht. Engberg gibt auch der aus dem vorgen Fall bekannten Esther de Laurenti wieder einen Part und verfolgt die Entwicklung der Figur ein Stück weiter. Nicht mein Fall ist allerdings die Täterbiografie. Das zugehörige Prozedere geht so: Irgendwas in Kindheit oder Jugend verkorkst und ruiniert zack, zack, so sehr die Psyche, dass Leute zu Mördern mit ekligen Mordmethoden werden. Das war schon im ersten Band die Grundidee zum Motiv.

Sowas versemmelt mir nicht unbedingt das ganze Buch. In diesem Fall nicht und auch nicht, weil ich insgesamt nicht viele Bücher mit diesem Topic in den Fingern habe. Von daher gilt von hier aus: Gute Thrillerunterhaltung.

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07058-3
Originaltitel: Blodmåne
Erstveröffentlichung: 2017
Deutsche Erstveröffentlichung: 2019
Übersetzung: Ulrich Sonnenberg

J. Jefferson Farjeon – Dreizehn Gäste

Lord Aveling lädt zum Gesellschaftswochenende auf sein Landgut Bragley Court ein. Zwölf an der Zahl. Es soll standegemäß gejagt werden und damit die Gäste ihren Platz in den Gesellschaftsspalten der Zeitung finden, ist der führende Kolumnist des Landes dabei. Ebenfalls geladen sind unter anderem eine Schauspielerin, ein reiches Ehepaar, ein aufstrebender Politiker, die Tochter des Hauses, eine Krimiautorin und eine Schauspielerin. Eine tatkräftige Witwe allerdings nimmt sich bei ihrer Anreise des jungen John Foss’ an. Der hatte sich beim Aussteigen aus dem Zug den Fuß verletzt und soll sich ihrer Meinung nach am besten bei Avelings auskurieren. Damit ist er allerdings der dreizehnte Gast.

“Ich hoffe, das beunruhigt sie nicht.”
“Ich bin nicht abergläubisch.”
“Ein Glück, obwohl Sie, selbst wenn, aus dem Schneider wären. Das Pech ereilt doch den dreizehnten Gast, der durch die Tür kommt, nicht?”

Foss wird in einem Vorzimmer einquartiert und regelmäßig von allen Gästen besucht. Jeder möchte zwischendurch etwas Gutes tun und erzählt ein bisschen. Und das Zimmer liegt ohnehin nicht schlecht, er bekommt durch die Tür und das Fenster eine Menge von dieser quirligen Gesellschaft mit. Als ein Mann tot aufgefunden wird, kommt Kriminalinspektor Kendall mit seiner Mannschaft ins Haus.

Wir kommen in ein Haus randvoll mit Gästen, von denen vermutlich jeder meint, er sei der Amateurdetektiv der Welt.

Ganz so schlimm empfinde ich es allerdings nicht. Kendall hält insbesondere die Krimiautorin ganz gut in Schach. Der Journalist und dessen Freund kommen ihm viel mehr in die Quere. Kendall leistet übrigens ziemlich gute Arbeit. Er hat nur das kleine Problem, dass ihm nicht jeder alles erzählt, was er sollte. Selbst John Foss, der so viel mitbekommen hat, entwickelt während seiner Rekonvaleszenz auf dem Sofa Sympathien und ist praktisch schon nach wenigen Stunden auf dem Landgut nicht mehr der neutrale Beobachter, als der er gekommen ist. Schlussendlich wird es “zwei Lösungen” geben.

Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-96392-2
Originaltitel: Thirteen Guests
Erstveröffentlichung: 1936
Deutsche Erstveröffentlichung: 2019
Übersetzung: Eike Schönfeld

Leave a Reply

Diese Webseite verwendet Cookies. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.