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Jakob Arjouni – Der heilige Eddy

Was für ein dummer Zufall: Ausgerechnet vor Eddys Wohnungstür gerät der derzeit meistgehasste Mann Berlins ins Stolpern – der Imbissbuden-Millionär und Heuschreckenkapitalist Horst König. Denn das Letzte, was Eddy, ein sympathischer Trickbetrüger, der sich mit dem Ausnehmen betuchter Leute ein Leben als Musiker samt bürgerlicher Fassade im linksalternativen Kreuzberg finanziert, gebrauchen kann, ist die Aufmerksamkeit der Polizei. So wenig wie die von Königs Bodyguards, die draußen auf ihren Chef warten. Zwar weiß sich Eddy zunächst zu helfen, doch dann gerät die Geschichte außer Kontrolle. Der Fall Horst König wird zum Berliner Medienereignis und dessen Familie zum Freiwild für Boulevardjournalisten. Eddy plagt das schlechte Gewissen, und gerne würde er sämtliche Missverständnisse aufklären. Am liebsten gegenüber Königs schöner und exzentrischer Tochter Romy.

ungekürzt, gelesen von Jakob Arjouni

Rezension

Eddy Stein hat sein Leben sorgfältig strukturiert: Unauffälliger, leicht ökologisch angehauchter Typ für seine Nachbarn in Kreuzberg. Dynamischer Straßenmusiker bei „Lovers Rock“ in allen anderen Vierteln, nur nicht Kreuzberg, und solider bis wohlhabender Trickbetrüger, der sich solide bis wohlhabende Touristen angelt, um sie ziemlich raffiniert auszunehmen. Mahnender Gegenpol in seinem Leben ist der russische Bandkollege Arkadi. Weil die Straßenmusik nicht genug für die beiden abwirft und ein Plattenvertrag nicht in Sicht ist, betreibt Arkadi einen Entsorgungs- und Umzugsservice. Er ahnt zwar, dass Eddy nicht immer lupenrein wirtschaftet, hat sich aber vom wortgewandten Freund aber wohl schon des öfteren zu Hilfeleistungen überreden lassen.

Eines Tages trifft Eddy in seinem Wohnhaus den unbeliebtesten Würstchenbudenbesitzer und Unternehmer Berlins, Horst König. Eddy quatscht König an, lässt sich auf ein Wortgeplänkel ein, der unbeherrschte König stürzt unglücklich und Eddy steht plötzlich neben einer Leiche. Eigentlich ein Unfall, aber Eddy traut sich nicht, einfach einen Krankenwagen zu rufen, denn vor der Tür stehen die zwei bulligen Leibwächter von König. Eddy glaubt, seine Haut äußerst raffiniert retten zu müssen und ruft statt dessen den Entsorgungsdienst von Arkadi an. Irgendwas wird ihm schon einfallen, um die Leiche ungesehen an den Leibwächtern vorbei zu bekommen.

Zunächst klappt alles recht problemlos. Der unbekannte Täter, der König auf dem Gewissen hat, wird sogar als Held gefeiert. Familie König steht wegen der Immobilienspekulationen des Patriarchen auch nach dessen Tod weiter unter dem Dauerfeuer der Regenbogenpresse. Als Eddy Königs schöne Tochter Romy kennen lernt, will er jedenfalls das wieder gut machen, was er angerichtet hat und versucht, den tonangebenden Journalisten und „Klatschpapst” Fabian Braake zur Raison zu bringen. Doch seit der Begegnung mit König im Treppenhaus scheint so ziemlich alles eine Nummer zu groß für den kleinen Trickbetrüger.

Beim klamaukigen Eddy wird ziemlich dick aufgetragen. Das geht bereits beim Einstieg los, in dem die berühmte rutschige Bananenschale zu Ehren kommt, um dem Trickbetrüger am Ende 10.000 Euro zu verschaffen. Das geht weiter bei der Begegnung mit König und seinen Leibwächtern, wo Eddy seine Klappe einfach nicht halten kann und nach allen Regeln der Kunst improvisiert. Für den Trick, den toten König aus dem Haus zu bekommen, hätte jeder Hörer Tage gebraucht, um das zu inszenieren; einen wie Eddy kostet es spontan vier Anrufe. Der Slapstick prägt das gesamte Hörbuch und so werden die vier CDs eine muntere Unterhaltung.

Jakob Arjouni bringt zwar einen kritischen Ton unter, aber der kommt vor lauter Witz kaum zur Geltung. Neben dem ekligen Boulevardjournalismus sind die Hintergründe von Königs Deal mit einem großen Produktionswerk ein Thema. Zwar hat König da kurzerhand ein Traditionshaus Berlins geschlossen, heraus kommt aber auch, dass der Berliner Senat nach Kräften gemauschelt hat und aus Angst vor Enthüllungen lieber den Investoren ins Messer laufen ließ. Arjouni zeigt auf das interessante Spiel von Politik und Presse mit den Emotionen der Bevölkerung und die Mechanismen der Öffentlichkeit. Am Ende gewinnt dann aber die Krimikomödie wieder die Oberhand. Ein letzter Trumpf bleibt Eddy, um den Schmierfinken Braake vielleicht doch noch dranzukriegen.

Am Ende hinterlässt das Hörbuch einen stimmigen Eindruck von leichtfüßigem Humor, den man ab und an einfach braucht. Daher ist es auch nicht dramatisch, dass das Hörbuch als Ganzes nach einer gewissen Zeit verblasst und einfach als schöne Unterhaltung in Erinnerung bleibt. Im Gegenzug liest Arjouni seinen Text mit der richtigen Stimmung und einer passenden Portion Lässigkeit.

Bibliografische Daten

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-80245-0
Erstveröffentlichung: 2009

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