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Nadja Niemeyer – Gegenangriff

Der Niedergang des Menschen beginnt mit einem viralen Katzenvideo. Es sieht gar zu niedlich aus, was die beiden Katzen da treiben, aber niemand versteht, was vor seinen Augen wirklich abläuft. Der Mensch ist wortwörtlich Schuld an diesem auf Video gebannten Phänomen, ist aber schon seit zu langer Zeit zu überzeugt von sich, um anderen Lebewesen etwas wie Intelligenz, Emotion oder Vernunft zusprechen zu können. Mit seiner eigenen ist es allerdings auch nicht so weit her. Eigentlich weiß der Mensch, dass die Erde den Bach runtergeht. Nur ist das für ihn kein Grund, etwas zu ändern.

Die Biber waren, nachdem sie schon von der Ausrottung bedroht gewesen waren (was die Menschen auf Listen vermerkten, ohne etwas dagegen zu unternehmen), in den letzten Jahren wieder zahlreicher geworden …

Mit Rücksichtslosigkeit, Energiebedarf und Unersättlichkeit hat der Mensch schon Abertausenden von Arten den Garaus gemacht. Alleine acht Seiten mit den Namen ausgestorbener Tiere listet Nadja Niemeyer auf und die Liste ist gewiss nicht einmal vollständig. Im Prinzip sichert das Aussterben einer einzigen Spezies allen anderen, die noch da sind, das Leben: „Denn ohne die Menschen, da waren sich die Tiere einig, würde das Leben auf der Erde bedeutend angenehmer und vor allem sicherer werden.“ Dank einem durch den Menschen selbst ausgelösten Mechanismus gelingt es den Tieren, jedes auf seine Weise, die menschlichen Lebensräume derart zu stören, dass sich die Menschen, von Angst und Selbsterhalt getrieben, schlussendlich selbst abschaffen.

Viele Annehmlichkeiten des täglichen Lebens waren ihm so selbstverständlich geworden, dass er schon lang aufgehört hatte, die komplizierte Organisation zu hinterfragen, mit der die Gemeinschaft ihre Versorgung gesichert hatte.

Der Mensch schafft sich selber ab

Das Pamphlet, wie Niemeyer ihren Text selbst nennt, ist eine boshafter Wutausbruch, in dem die Autorin alles auf den Tisch bringt, was falsch läuft. Der Verlag nennt das radikal. Schaut man sich die eingehenden Nachrichten an, möglicherweise nicht radikal genug – nett und freundlich hat bisher ja nicht so viel geholfen, dass „Gegenangriff“ nicht nötig gewesen wäre. Nadja Niemeyer, übrigens ein Pseudonym, erzählt rabiat aus einer tierischen Perspektive, die so sein könnte, oder auch völlig anders. Das Buch funktioniert in seiner Art ähnlich wie eine Fabel; verschiedene Tiere, jeweils nach ihren Fähigkeiten ausgewählt, führen den Zuhörenden die Auswirkungen ihres Handelns vor.

Alles, was Niemeyer die Tiere tun und beobachten lässt, trifft mit höchster Zielgenauigkeit zu. Man denke an dieses einzige gestrandete Transportschiff im Suez-Kanal, das den weltweiten Handel wochenlang so gründlich lahmlegte. Die Spezialisierung und Auslagerung hat im Namen von „Lebensstandard“ so ungesunde Ausmaße angenommen, dass eine vergleichsweise kleine Störung zeigt, wie wenig Ausweichmöglichkeiten existieren. Genau das machen sich die Tiere mit ihren Angriffen zunutze. Auch der menschlich verursachte Auslöser für den Gegenangriff dürfte Leserinnen und Lesern längst nicht wie Science Fiction vorkommen.

Angesichts der Bedrohung reagiert der Mensch ungefähr so, wie es sich schon John Lancester ausgedacht hat. Die anfängliche Solidarität hält nur kurz an; schnell weicht sie Aggressionen und Ausgrenzung.

Lange Zeit hatte ein Zustand allgemeiner Unsicherheit geherrscht, und das erträgt Homo sapiens sehr schlecht. Der Drang, eine Erklärung zu finden, die, wenn sie nur einfach war, auch falsch sein durfte, war immer stärker geworden.

In der Falle: Spezialisierung

Nadja Niemeyers „Pamphlet“ lohnt die Lektüre auf jeden Fall. Mag man die tierischen Angriffe für überzogen halten, die Szenerie für unwahrscheinlich, die Autorin für viel zu wütend, das Projekt viel zu weit weg von der Realität — das ist es, versteckt unter der Tiergeschichte, eben nicht. Niemeyer zeigt an ihren Beispielen, wo Schäden den Menschen richtig weh tun werden. Für Alternativen und schnelle Reaktion ist auf Grund hoher lokaler Spezialisierungen keine Luft. „Gegenangriff“ ist vieles: Umweltroman, Pamphlet, Naturschutzbuch, Rachetext, Handlungsaufruf. Und hoffentlich eines nicht: Vergebens.

Bibliografische Angabe

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07183-2
Erstveröffentlichung: 2022

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