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Natsu Miyashita – Der Klang der Wälder

Natsu Miyashita - Der Klang der Wälder

Während seiner Schulzeit wird der junge Tomura gebeten, den Klavierstimmer Itadori in die Aula zu begleiten. Neugierig bleibt der Junge dabei, als der Mann den Schulflügel öffnet und stimmt. Den Klang, den Itadori erzeugt, fasziniert Tomura. Er erinnert ihn an seinen Lieblingsplatz, den Wald, und er verbindet mit den Klängen Hölzer und Gerüche – „Der Klang der Wälder“ eben. An diesem Nachmittag legt sich Tomura, der bislang ein eher unentschlossener Schüler war, auf eines fest: Er will Klavierstimmer werden. Er zieht von Hokkaido auf die Hauptinsel Honshu zur Fachschule und kann nach seinem Abschluss in der gleichen Firma anfangen, in der auch Itadori tätig ist.

Und genau so war es mit dem Klang des Klaviers. Zuerst war es nur ein Geräusch, aber sobald Itadori-san den Ton gestimmt hatte, kam seine Brillanz voll zur Geltung.

Damit beginnt die eigentliche Geschichte des insgesamt sehr ruhigen Romans. Tomura hat das Klavierstimmen nun von der Pike auf gelernt. Er kennt die Hölzer, weiß, wie die Hämmer funktionieren und wie sie bespannt sind und er weiß, wie beweglich Klaviertasten in der Höhe sein dürfen. Gebüffelt hat er und begleitet nun mit Ehrfurcht seine Kollegen, um in der Praxis von ihnen zu lernen. Er macht Notizen und übt das Stimmen mit den Klavieren im Ausstellungsraum. Trotzdem begleitet ihn die Sorge, seine Arbeit nicht richtig hinzubekommen. Denn er spürt, dass das Klavierstimmen nicht nur reine Technik ist, sondern auch eine Frage des Gespürs. Für den Kunden zum Beispiel, das klimatische Umfeld oder die Spieltechnik.

Die Poesie der Klaviertechnik

Natsu Miyashita ist selbst Klavierspielerin und das merkt man ihrem Roman prektisch überall an. Sie findet stets sehr lebhafte Bilder für die Empfindungen, die ihre Figuren beim Zuhören oder Spielen haben. Sie findet diese Poesie nicht nur im Klang, sondern auch in der Technik, die ein Klavier überhaupt zum Klingen bringt. Miyashita weiß auch die Klaviertechnik zu erklären und welche Maßnahmen zur Veränderung des Klangs führen. Als Tomura zum Beispiel begreift, welche Bedeutung die genauen Schwingungsfrequenzen der Töne haben, erklärt sie, wie sich diese im Lauf der Zeit verändert haben. Zu Mozarts Zeiten wurden Klaviere in leicht veränderten Tonhöhen gestimmt.

Ich bin nicht begabt. Ich sollte mich von diesem bloßen Begriff nicht ins Bockshorn jagen lassen. Ihn nicht als Vorwand nutzen, um die Sache hinzuschmeißen. Erfahrung, Übung, Fleiß, Wissen, schnelle Auffassungsgabe, Beharrlichkeit und nicht zuletzt Leidenschaft. Damit lässt sich mangelndes Talent wettmachen.

Zeit, die beiden anderen Hauptpersonen vorzustellen, die Zwillingsschwestern Kazune und Yuni. Beide spielen ausgezeichnet, aber auf eine völlig unterschiedliche Weise. Tomura begegnet ihnen öfter und die Schwestern ziehen ihn auch bei ihren Plänen ins Vertrauen. Durch sie erkennt Tomura im Lauf des Romans, wie viel Einfluss der Stil des Spielenden selbst auf den Klang hat. Als Kazune sich für eine Karriere als Konzertpianistin entscheidet, bittet sie Tomura um das Stimmen ihres Flügels. Der junge Mann, der ohnehin gerne Selbstzweifel pflegt, wird das erste Konzert für Kazune zur größten Herausforderung seiner frischen Laufbahn.

Ein bisschen Kitsch, aber liebenswert erzählt

In Japan war das Buch von Natsu Miyashita ein großer Erfolg und wurde 2018 zudem verfilmt. Das dürfte nicht nur der Naturverbundenheit geschuldet sein, die den Zeitgeist in Japan trifft. Das hat sicher auch mit der Hingabe zur klassischen Musik zu tun, die einen hohen Stellenwert genießt. Obendrein kann der „Der Klang der Wälder“ auch Nicht-Klavierspieler durch seine bildliche Sprache mitnehmen. Wer sich für das Thema interessiert, sollte abwägen: Ein ruhiges Buch ohne Spannung und mit vorhersehbarem Ausgang sowie einer poetischen Sprache, oft aber auch mit einem Hauch Kitsch (und das geht komplett ohne Liebesgeschichte). Insgesamt aber doch schön zu lesen und wie bei der Musik gilt hier: Einfach mal genießen.

Musik sollte uns in erster Linie erfreuen, finde ich. Sie ist nicht dazu da, um miteinander in Konkurrenz zu treten. Denn gewonnen hat ohnehin derjenige, der den meisten Spaß am Musizieren hat.

Bibliografische Angaben

Verlag: Insel
ISBN: 978-3-458-17900-9
Originaltitel: Hitsuji to hagane no mori (羊と鋼の森)
Erstveröffentlichung: 2015
Deutsche Erstveröffentlichung: 2021
Übersetzung: Sabine Mangold

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