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Nicklas Brendborg – Quallen altern rückwärts

Nicklas Brendborg - Quallen altern rückwärts

Schaut man nur auf den Titel „Quallen altern rückwärts“, könnte man Brendborgs Buch mit dem wunderbar aquarellierten Cover für ein neues Buch über die Tierwelt halten. Eine Ergänzung für das Rendezvous mit einem Oktopus vielleicht. Tatsächlich ist das ungewöhnliche Phänomen des „Rückwärtsalterns“ aber nur eines der vielen Rätsel, die uns die Natur liefert: Wie funktioniert Altern? Und wenn wir es herausfinden: Können wir den Prozess verlangsamen oder gar anhalten?

Wahrscheinlich ist der Mensch das einzige Lebewesen, das sich mit seiner Lebensspanne nicht zufrieden gibt. Wir wissen zwar, dass es Tiere mit einer Lebensdauer von teils wenigen Stunden gibt, fänden es aber bei Weitem attraktiver, selbst noch ein paar Jahre dranhängen zu dürfen. Die titelgebende Quallenart (Turritopsis) retten sich zwischendurch zum Beispiel in ein „Kinderstadium“ und in Kalifornien stehen Bäume, die es auf über füntausend Jahre bringen. Es gibt Grönlandhaie, die die Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika „miterlebt“ haben. Die Prozesse des Alterns sind für Forscher hochspannend. Nicht nur aus Forschungssicht und zum besseren Verständnis biologischer Prozesse. Da der Wunsch nach einem Jungbrunnen beim Menschen schon alt ist, hat sich aus den sich mehrenden Erkenntnissen eine ganze, prosperierende Industrie entwickelt. Doch auf was beruhen die Versprechen, funktioniert das Ganze und haben wir überhaupt etwas davon? Nicklas Brendborg hält einige Antworten dazu bereit.

Was weiß die Forschung?

Verständlicherweise macht ein Blick auf den Stand der Forschung den größten Teil des Buchs aus. Und einer der wichtigsten Punkte war immer die Suche nach einer „Uhr“, mit der man das Alter eines Körpers bestimmen könnte. Mit der epigenetischen Uhr gibt es so etwas tatsächlich. Sie zu finden, löste aber natürlich noch nicht die Frage danach, ob und wie man sie zurückdrehen könnte. Denn wer älter wird, setzt sich zum Beispiel einem steigenden Risiko einer Krebs- oder Demenzerkrankung aus. Aber das Älterwerden soll doch bitteschön, wenn man schon in den Prozess eingreift, angenehm bleiben.

Und hier wird es kompliziert. Nicht, weil Nicklas Brendborg so schreiben würde. Ganz im Gegenteil. Er erklärt fantastisch, belegt seine Aussagen mit einem umfangreichen Quellenteil und erklärt die Anti-Aging-Forschung sehr verständlich. Kompliziert wird es, weil sich die Natur -zumindest nach bisherigem Forschungsstand- nicht vollständig in die Karten schauen lässt. Oder weil eine Erkenntnis gar neue Fragen aufwirft.

Kein Geld für Antioxidantien

So kommt es, dass einige Entdeckungen sehr aufschlussreich, aber für Anti Aging-Strategien praktisch nutzlos sind. Ein Beispiel für so eine „Sackgassen-Lösung“ sind die freien Radikale. Das sind sehr reaktive Moleküle, die in den Zellen unkontrolliert Schäden anrichten und so genannten oxidativen Stress auslösen. In Folge ihrer Entdeckung wurden Antioxidantien zum Star. Sie sollten Radikale bändigen, Zellschaden vorbeugen und damit das Altern verlangsamen. Die Kosmetikindustrie verdient bis heute prächtig daran. Der Haken an der Sache: Forscher haben auch herausgefunden, dass die Widerstandsfähigkeit des Körpers ohne Stimulation verkümmert. Das gilt nicht nur für den Sport, wo Stimulation Muskeln aufbaut oder mindestens aufrecht erhält. Das gilt eben auch für unsere Zellen, wo oxidativer Stress die körpereigene Regeneration trainiert.

Man experimentiert nicht einfach so an einer Wachstumskommandozentrale herum, ohne dass es zu Nebenwirkungen kommt.

Wie so oft, spielen auch in der medizinschen Forschung Zufälle eine Rolle. Wie eine Bodenprobe der Osterinsel zeigt, wo sich ein gesuchtes Bakterium schlussendlich nicht fand, die Bodenprobe aber anschließend nicht entsorgt wurde. Das öffnete weiteren Untersuchungen die Tür und man fand statt dessen ein neues Bakterium mit einer ziemlich cleveren Pilzabwehr. Als man deren Prozess verstanden hatte, entdeckte man mit Rapamycin die zugehörige Substanz, die gleichzeitig Anti-Aging-Effekte mitbrachte. Bei Labortieren allerdings zum Preis von diabetesähnlichen Komplikationen oder einem erhöhten Fettgehalt im Blut. Möchte man damit Kosmetikprodukte lancieren?

Widerstände aus dem Weg räumen

Nicklas Brendborg erzählt auch von Widerständen, die Forscher, teils über Generationen, aus dem Weg räumen mussten. Manchmal hielt man Probleme für längst gelöst (oder gar für nicht existent), sodass neue Perspektiven nicht ernst genommen wurden. Manchmal verdiente man mit einer herkömmlichen Lösung zu gut, als dass man sich auf eine andere einlassen wollte. Als die ersten Medizinier dahinter kamen, dass Magengeschwüre auf Baktieren zurückgehen, existierte ein florierendes Geschäft mit Säureregulatoren. Das sollte freilich nicht zu Gunsten kurzer und günstigerer Antibiotika-Kuren kaputt gehen.

Inzwischen weiß man, dass Mikroorganismen einen wirklich großen Einfluss auf viele körpereigenen Prozesse haben — selbst, wenn man sie noch lange nicht alle verstanden hat. Ohne sie gäbe es keine Verdauung. Gleichzeitig können selbst „gute“ Mikroorganismen Krankheiten verursachen, wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten. Und Mikroorganismen haben mit dem Alterungsprozess zu tun. Forscher arbeiten aber zuerst einmal an der grundlegenden Frage, ob die altersbedingten Veränderungen des Mikrobioms der Grund oder die Folge des Alterns sind.

Wie können wir unser Leben verlängern?

Natürlich lässt uns „Quallen altern rückwärts“ nicht ganz ohne gute Ratschläge gehen. Wenngleich sie wahrscheinlich weniger sensationell ausfallen, als sich das manch einer nach einem Streifzug mit Rapamycin, Spermitin, mTOR oder Telomeren vorgestellt hat. Einigen Tipps kamen Forscher auf die Spur, weil sich bei isoliert lebenden Menschengruppen besondere Merkmale herausgebildet hatten. Dazu gehört die hohe Lebenserwartung auf Okinawa oder das Leben ohne Diabetes auf Kitava. In beiden Fällen hängen die Phänomene maßgeblich mit einer Ernährung zusammen, die frei von industriell verarbeiteten Lebensmitteln ist.

Andere Ergebnisse wiederum sind nicht so leicht zu fassen, zumindest, wenn man nur bruchstückhaft Informationen erhält (wie das bei vielen „Wundermitteln“ der Fall ist). Dazu ein kurzes Zitat über einen Lebensmittelzusatzstoff, zu dem nach Brendborgs Angaben die meisten Studien existieren:

Es existiert eine solche Flut an Vitamin-D-Studien da draußen, dass ich mindestens Ihr Mitleid dafür verdient habe, sie alle überprüfen zu müssen.

Schlussendlich umfassen Brendborgs Ratschläge keine Liste mit Nahrungsergänzungsmittel. Wer diese erwartet, findet in Brendborg nicht den gewünschten Guru. Sondern einen Molekularbiologen, der sich zahllose Forschungsergebnisse angeschaut hat und nicht aus jeder Korrelation eine Kausalität macht. Mit Hilfe der Forschungsergebnisse kann er belegen, dass derzeit eher konventionelle Ratschläge eine nachweislich gute Rolle für ein gesundes Leben spielen. Durch einen Spaziergang nach dem Essen beispielsweise sind die nötigen Muskeln erste Anlaufstelle für den Blutzucker und damit eine Möglichkeit zur besseren Blutzuckerkontrolle. Inzwischen haben obendrein viele Untersuchungen gezeigt, dass „leckere industriell verarbeitete Lebensmittel“ einen ziemlich miesen Einfluss auf unsere Gesundheit haben. Selber kochen also ist angesagt und auch das dürften viele schon einmal gehört haben.

Ganz zum Schluss geht Brendborg, wenn auch sehr kurz, auf eine lebensverlängernde Komponente ein, die nichts mit Genetik oder Mikrobiomen zu tun hat: Unsere sozialen Beziehungen.

Vom Sinn des Alterns

Vorausgesetzt, wir können unsere Erkenntnisse in der medizinschen Wissenschaft fortsetzen, besteht kein Zweifel daran, dass wir das Altern schliesslich besiegen werden.

Gehen wir wegen dieses Zitats nochmals zurück auf Seite 14 des Buchs: Brendborg will den Menschen sicher nicht unsterblich machen, sondern sich einfach auf die Suche nach den Grundlagen für ein langes und gesundes Leben machen. Nach dieser Lektüre kommt man aber möglicherweise nicht zu demselben Schluss wie er. Dafür hat er zu viel über positive Befunde geschrieben, die von Nebenwirkungen konterkariert werden, von möglichen Vorteilen, die man sich nur mit größeren Risiken „erkaufen“ kann. Das Wettrennen gegen die Natur ist eigentlich ein Rennen mit offenem Ausgang. Und Beispiele wie Okinawa zeigen schon sehr eindrucksvoll, dass wir wirkungsvolles Handwerkszeug längst in der Hand haben.

So viele Antworten das Buch gibt, so fehlt mir doch eine und für meine Begriffe die zentrale. Brendborg verliert kein Wort dazu, warum die Natur das Altern überhaupt eingerichtet hat. Was ein Molekularbiologe dazu sagt, der sich so intensiv mit dem Altern auseinandergesetzt hat, das würde mich wirklich interessieren.

Bibliografische Angaben

Verlag: Eichborn
ISBN: 978-3-944751-18-4
Originaltitel: Yo Jō
Erstveröffentlichung: 1952
Deutsche Erstveröffentlichung: 2020
Übersetzung: Justus Carl

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