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Zora del Buono – Gotthard

Zora del Buono – Gotthard

Kaum mehr als einen halben Tag lang begleitet der Leser den Eisenbahnfan Fritz Bergundthal ins Tessin. Nahe der Großbaustelle des Gotthard-Basistunnels sucht er die für ihn so perfekten Fotos, die immer dann entstehen, wenn ein Zug kurz vor ihm aus dem Tunnel auftaucht. Ein beliebter Ort für Eisenbahnfreunde und viele davon kennen, so wie Bergundtahl, all die Zahlen und Fakten, die zum Bau der Trassen durch das Gotthard-Massiv gehören. Überhaupt dieser Gotthard: Er ist der Dreh- und Angelpunkt, der alles zusammenhält. Bergundthal ist nur zu Gast dort und öffnet dem Leser die Türe zu den Menschen, deren Leben der Berg bestimmt. Zora del Buono setzt ihre Novelle „Gotthard“ minutiös in kleinen Stücken zusammen, jedes einzelne ist anderen Personen gewidmet. Und doch haben sie alle miteinander zu tun.

Zora del Buono - Gotthard

Da ist zum Beispiel Dora Polli-Müller, die mitten in einer Haarnadelkurve der Straße wohnt. Während der Straßentunnel entstand, war sie die von den Männern umschwärmte Königin der Kantine und nie um einen Flirt verlegen. Geheiratet hat sie am Ende den Tunnelbauer Aldo, der schon lange nicht mehr im Berg arbeitet und im Tal als wirrer rasender Alter mit dem Töff bekannt ist. Die einzige konstante Verbindung zu seiner Frau sind die Hunderter, die er ihr als Haushaltsgeld zusteckt. Tochter Flavia ist als Lastwagenfahrerin unterwegs und transportiert derzeit Einzelteile der Tunnelbohrmaschine zur Deponie. Doch ihr Quartier hat sie nicht daheim, sondern auf einem Campingplatz bezogen. Jenem, der auch Bergundthal als Unterkunft dient.

Momentaufnahme aus dem Tessin

Im Tunnel selbst arbeitet der frühere Bäcker Robert Filz, einer junger Bursche, der nur zwei Tätigkeiten kennt. Entweder fährt er die Baustellenzüge oder er treibt sich im lokalen Puff herum. Im Stollen ist außerdem Tonino, der schon beim Straßentunnel dabei war, ein alter Kollege von Aldo und ehemaliger Verehrer von Dora. Aldo und Tonino wissen voneinander, aber seit Beginn der Bauarbeiten vermeiden sie den Kontakt. Der Tunnelbau neigt sich absehbar dem Ende zu. Der Durchbruch ist geschafft, die Tunnelbohrmaschine wird demontiert und allen, die mit dem Bau beschäftigt sind, steht ein Umzug ins Haus. Viele kamen extra deswegen her und wissen, dass sie sich neu orientieren müssen.

Nicht nur der Gotthard hält die Geschichte zusammen, der zweite Anker ist die Liebe. Die obsessive, die missverstandene, die heimliche, die fehlende. Für die Einen ist sind der Gotthard und seine Baustellen eine Liebesbeziehung, eine Befreiung, eine Flucht, für die Anderen sind es Projektionen, eine Suche. Zora del Buono beobachtet mit scharfem Auge, kümmert sich oft um scheinbare Nebensächlichkeiten. Genau mit solchen Details aber trifft sie den Kern ihrer Protagonisten, ihre Schwächen und Sehnsüchte. Mit Erklärungen hält sich ihr sauberer Stil nicht auf. Der Aufbau folgt gewissenhaft den Abläufen an diesem Morgen und baut eine intensive Spannung auf. Die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Bergbauer, ist von der Baustelle verschwunden – das wird sich rächen.


Meine Buchvorstellung zu Zora del Buonos „Gotthard“ erschien ursprünglich im September 2016 im (heute nicht mehr bestehenden) Onlinemagazin „Der blaue Ritter“ zur Erstausgabe der Novelle, die 2015 beim Verlag C.H. Beck (978-3-406-68184-4) erschienen war.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-257-24746-6
Verlag: Diogenes
Veröffentlichung: 2024

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