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Lukas Maisel – Tanners Erde

Irgendwo im Schweizer Voralpenland hat der Tanner seinen Hof. Die Tage sind geprägt von der Arbeit und dem, was das Dorf zu bieten hat. Die Kühe melken, sich um Weizen und Heumahd kümmern und zwischendurch mit den anderen in der Dorfbeiz zusammensitzen. Mit seiner Frau Marie verbindet ihn eine stille Harmonie. Tanner ist ohnehin kein Mann der großen Worte, aber die beiden sind sich gewohnt. Was der Hof abwirft, reicht mal eben so, um über die Runden zu kommen. Milch- und Fleischpreise sind ständiges Thema, weil ständiges Ärgernis.

Whoever’s is the soil, it is theirs all the way up to Heaven and down to Hell.

Englisches Grundbesitzrecht, 14. Jh.; Motto-Zitat bei Lukas Maisel

Eines Morgens steht der Kirschbaum schief. Als Tanner nachschaut, entdeckt er ein großes Loch mitten im Feld und der Baum hält sich gerade so am Rand des Kraters. Wenige Meter im Durchmesser und offenbar sehr tief. Für Tanner bricht damit eine Welt zusammen – sprichwörtlich wie buchstäblich. Während sein Land durchlöchert und unbrauchbar wird, passiert mit ihm dasselbe. Er kann das Geschehen nicht einmal Marie gegenüber in Worte fassen und sagt daher lieber gar nichts. Für Unvorhergesehenes in dieser Dimension scheint kein Begriff geschaffen zu sein.

Das Unfassbare in Worte fassen

Auch mit Hilfe tut sich Tanner schwer. Groß geworden ist er mit der ebenso strikten wie sturen Grundhaltung des Vaters, dass man sich als Bauer nicht einmal versichern solle. Sonst könne man ja gleich aufhören. Jetzt bräuchte er schon welche, kann sich aber nicht überwinden, bei diesem oder jenem Angebot Ja zu sagen. Überhaupt zu begreifen, dass er das Problem nicht ohne fremde Hilfe lösen kann, lähmt ihn bereits. Er will dieses Problem richtig angehen, so, wie er alles ordentlich angeht, und landet unversehens tiefer in seiner Isolation.

Es gibt Löcher in Wänden, in Kleidung, in Käse, in Körpern. Die Löcher im Körper haben unterschiedliche Aufgaben, aber über sie zu sprechen, verbietet der Anstand. Und vielleicht ist das der Grund, warum Tanner nicht über das Loch in seinem Acker sprechen wird.

Lukas Maisel braucht selbst nicht viele Worte, um Tanners Sprachlosigkeit und sein Nicht-Begreifen zu dokumentieren. Das geht sparsam, aber umso wirkungsvoller. Eine Sprache, die dem Schlichten des Hoflebens angepasst ist, stimmige Bilder findet und ganz anders wirkt als das fabulierende Erzählen, das in seinem Debut zu finden ist.

Das Wunderbare an „Tanners Erde“ ist die Vielschichtigkeit. Es ist die Geschichte einer Natur, die durchaus böse Überraschungen für uns bereit hält – demnächst noch mehr als je zuvor. Tanner ist eine Figur, die so oder ähnlich bereits in Dörfern und Weilern zu finden ist und auf abgebrannte Felder, ausgedörrte Flüsse oder vertrocknete Obstbäume blickt. Es ist aber auch die Geschichte einer Gewissheit, irgendeiner Gewissheit, die von heute auf morgen wegbrechen kann. Für das Unfassbare und Unerwartete gibt es oft keine Worte, für das, was das Leben von heute auf morgen auf den Kopf stellt und vielleicht unlebbar erscheinen lässt. Auf der einen Seite steht dann vielleicht einer wie der sprachlose Bauer Tanner, den das Geschehene lähmt. Auf der anderen Seite vielleicht ein Dorf wie Huswil, das Tanners Unglück und seinen Zustand bei allem guten Willen nicht begreift. Und am Ende kann das Dorf ebenso schlecht mit Tanner umgehen wie Tanner mit dem Dorf.

Bibliografische Angaben

Verlag: Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00308-1
Erstveröffentlichung: 2022

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