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Reise nach Tavanasa: Über die Romane von Arno Camenisch

Reise nach Tavanasa

Im Winter war ich erstmals in Tavanasa — literarisch zumindest. Arno Camenisch erzählt in Der letzte Schnee von einem Schlepplift dort und den zwei Männern, die sich drum kümmern. Dieses Mal ist es Frühling in “Goldene Jahre”, ein Roman, der es auf die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2020 geschafft hat. Mich hat es sehr gefreut, weil ich den reduzierten Stil von Camenisch sehr schätze — ein eingedampftes Szanario, in dem gleichzeitig vieles drin steckt. Mal deutlich, mal angespielt.

Gleichzeitig ist das so knapp Erzählte auch eine “Schwäche”, denn die Bücher erreichen kaum mal 100 Seiten. Kaum hat man die Surselva besucht, reist man schon wieder ab. Wo’s doch gerade so erholsam war, mit welcher Ruhe und Gelassenheit die Menschen ihr Leben rekapitulieren und gar nicht willig sind, sich vom Takt der Städte oder des Weltgeschehens dreinreden zu lassen.

… also ein Durcheinander an Strassen haben die da, weisst ja nicht, wohin fahren in dem Wirrwarr, Ampeln und Strassen und Häuser und Tafeln, aber keine Berge, an denen du dich orientieren könntest, da haben wir es schon gäbiger hier, hier fährst du entweder das Tal hinauf oder das Tal hinab.

Arno Camenisch, in: Ustrinkata (… sicher meint er damit Zürich, oder?)

Nicht, dass Camenischs Dorf hinter dem Mond lebt. Ganz im Gegenteil. Da wird genauso gemauschelt, gelitten, gefeiert, sich geliebt und getrennt wie sonstwo. Da taucht das Weltgeschehen hin und wieder sogar persönlich auf. Aber es ist halt wie es ist und es macht sich allemal gut als Thema in der Beiz.

Großausleihe empfohlen

Als ich also in der Bibliothek stand, konnte ich es nicht lassen. Ich habe gleich drei der Tavanasa-Titel mitgehen lassen. In eine Hand passen sie locker, die “Ustrinkata”, der “Herr Anselm” und eben “Goldene Jahre”.

Letzteres fällt nahezu aus dem Rahmen, aber nur ein bisschen. Denn bei Büchern von Arno Camenisch steckt mehr oder weniger auffällig immer das Ende von irgendetwas drin (ich nehme “Der letzte Schnee” hier mit rein). In einem schließt die Beiz, alle halten sich ein letztes Mal an den Gläsern fest. Der Hauswart der Schule lässt seinen Frust am Grab seiner Frau freien Lauf, denn dieses Jahr wird wohl das letzte Schuljahr in Tavanasa sein. Der Schnee bleibt immer mehr aus und die Betreuer des Lifts fragen sich, wie lange es den Skibetrieb noch geben wird. Nur Rosa-Maria und Margrit haben ihren Kiosk, munter und entschlossen, schließen jeden Tag auf und schalten die Leuchtreklame ein. Bis man bewusst mitbekommt, wie alt die Damen wohl sein dürften und sich — mit den anderen Büchern im Hinterkopf — fragt, ob da wohl eine Nachfolgeregelung zustande kommen könnte.

Inzwischen weiß ich zum Beispiel, dass sich Arno Camenisch in seinen Büchern regelmäßig kleine Auftritte verschafft. Liest man mehrere Bücher am Stück, fällt das sogar stärker auf, weil man konzentrierter darauf achtet. Irgendwo ist er der Lausebengel, der den Postbus zerschrammt hat; er scheint aber ansonsten ein sehr netter Typ zu sein:

Das ist ein lieber Kerl, sagt die Rosa-Maria, also das muss man schon sagen, der grüsst denn immer so freundlich. Ja, das stimmt, sagt die Margrit, hin und wieder taucht er auf, und das muss man ihm lassen, der würde nicht im Dorf auftauchen, ohne uns einen kleinen Besuch abzustatten, und dann trinken wird zusammen einen Kaffee, also das ist immer eine Freude, mit dem ein bisschen das Weltgeschehen zu verhandeln, …

Arno Camenisch, in: Goldene Jahre

Die Macht der Assoziation

Allen Bücher gemeinsam ist eine sehr lockere Erzählstruktur. Die zieht Camenisch durch, egal, ob ein paar Leute in der Beiz beieinander sitzen oder ein Erzähler das Buch hindurch alleine unterwegs ist. Handlung gibt es praktisch keine: Her Anselm besucht das Grab seiner Frau und pflegt die kleine Anlage, die Liftbetreuer bewegen sich rund um Lift und Lifthäuschen und knipsen gelegentlich Karten, die Kioskbetreiberinnen schalten Leuchtreklamen an und stellen Waren auf. Die Romane werden statt dessen von dem getragen, was sich in den Unterhaltungen und Überlegungen während dieser kleinen Kammerspiele aufspannt.

Das geht von Beginn an stets sehr assoziativ los und das Erzählte windet sich mühelos zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen lokalen Beziehungen und Einflüssen von außen — ohne dass Camenisch sein Ziel aus den Augen verlieren würde. Die (Selbst-)Gespräche winden sich in dieser Hinsicht sehr real wie viele unserer täglichen Gespräche auch. Passend dazu wählt Camenisch den Stil. Nebennsätze, Einschübe, Ergänzungen, die sauber zu Ende gehen. Zwischendurch gespickt mit herrlich umgangssprachlichen Einwürfen. Geschimpft wird mit “ach, Saich!” und wenn etwas nicht klappt, wird man “farruct”. Man muss sicher nicht Schweizer:in sein, um das alles schätzen zu können.

Nicht immer gemütlich

Die Figuren sind alle gut miteinander verbunden. Man kennt sich, steht einander bei, sorgt umeinander. Man weiß um die einzelnen Persönlichkeiten im Dorf und weiß sich in der Regel zu schätzen. Die Grundstimmung scheint prima in Tavanasa. Doch die Bücher zeichnen auch eine Gesellschaft, der große Veränderungen bevorstehen. Aus dem Weg räumen lassen sie sich kaum. Sie müssen durchgestanden werden. Doch ist auch klar, dass vieles schlicht mit Dummheit zu tun hat — auf lokaler und globaler Ebene — und die Betroffenen das sehr wohl wissen.

Die wollen lieber die Schule zumachen, und denken erst nach der Pension nach, was sie wirklich angerichtet haben, und staunen dann vielleicht noch, warum keine jungen Familien mehr ins Dorf ziehen. … Dass sie damit das Dorf austrocknen, darauf würden sie auch über den Tod hinaus nicht kommen. Zuerst schiessen, dann zielen.

Arno Camenisch, in: Herr Anselm

Die Schule, die geschlossen wird, ist zentrales Thema in “Herr Anselm” und damit zeigt Camenisch auf ein Problem, dass viele Dörfer kennen. Sowas setzt sich fort mit fehlenden Kitas oder anderen Kinderangeboten, auch das längst ein Kriterium, ob Dörfer zum Bleiben oder Zuziehen animieren oder eben nicht. Getroffen werden Entscheidungen über geschlossene Postfilialen oder Tankstellen weit außerhalb, wo sich die Menschen kaum Gedanken darüber machen, welche Bedeutung, praktische wie gesellschaftliche, solche Anlaufstellen für die Menschen der Region haben.

Auf globaler Ebene zeigen die Romane praktisch alle mehr oder weniger stark auf den Klimawandel. Der stetig zurück gehende Schnee lässt Tavanasa befürchten, dass mit Skiliften oder Ausflügern irgendwann kein Auskommen mehr zu machen ist. Schlimmer noch. Bergrutsche wie der von Bondo stehen vor Augen und eben die Gefahr, dass die Region statt von Schneelawinen demnächst von solchen Katastrophen bedroht wird. Arno Camenisch versteht sich als Beobachter, der aufschreibt, was er sieht. Doch die selbst gewählten Einschränkung macht die Beobachtungen nicht minder dringlich.

Keine Shortlist? Halb so wild.

Wie die Geschichte für die Longlist-Nominierung ausging, wissen wir inzwischen. “Goldene Jahre” gelang nicht der Sprung auf die Shortlist. Egal. Diese internationale Nominierung verschaffte den “Tavanasa-Romanen” die große Bühne. Wie Arno Camenisch selber die Sache sieht, weiß ich nicht. Vielleicht taucht “der Sohn vom Tini” ja in einem der nächsten Bücher auf und lässt die Figuren darüber schwätzen, was von Nominierungen oder Preisen zu halten ist.

Meine Bücher sind alle miteinander verknüpft. Es ist ein grosses Ganzes.

Arno Camenisch im Interview mit dem Tagblatt

Insofern ist es OK, dass dieser eine Preis nicht funktioniert hat. Ich plädiere dafür, dass wir noch ein paar Romane abwarten und schauen, was sich in Camenschs Tavanasa in den kommenden Jahren tut. Ideen hat er nach eigenen Angaben genug. Und dann verpassen wir ihm eben einen Preis für’s “grosse Ganze”.

Bibliografische Angaben

Ustrinkata
ISBN: 978-3-033-03028-2
Erstveröffentlichung: 2012

Der letzte Schnee
ISBN: 978-3-906050-35-5
Erstveröffentlichung: 2018

Herr Anselm
ISBN 978-3-906050-43-0
Erstveröffentlichung: 2019

Goldene Jahre
ISBN: 978-3-906050-36-2
Erstveröffentlichung: 2020

Verlag: Engeler Verlag

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