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Joachim B. Schmidt – Tell

Mit keiner anderen Figur wird die Schweizer Geschichte so verbunden wie mit Wilhelm Tell. Eine Legende, die in den Köpfen lebendig bleibt, als heroischer Theaterheld bei Schiller und als Zufallsgegner bei Max Frisch. Aber niemand bisher hat die Geschichte je so spannend und kraftvoll erzählt wie Joachim B. Schmidt.

Schmidt greift die typischen Elemente der Tell-Sage und seiner späteren Aufzeichnung auf und trotzdem ist sein Tell keine Nacherzählung. Der Roman ist so mitreißend erzählt, dass ich unbedingt wissen wollte wie es weitergeht und mir gleichzeitig klar war, sobald ich fertig bin, ist auch der ganze Genuss vorbei. Der Tell ist bei Schmidt ganz großes Kino am Vierwaldstättersee und in den engen Tälern mit den schroffen Felswänden.

Inspiriert wurde er für seine Herangehensweise von der isländischen Sturlungen-Saga in der Fassung von Einar Kárason. Schmidt, der uns in Kalmann in seine Wahlheimat mitgenommen hat, bringt auch im Tell eine kleine Hommage an Island unter (ich verrate hier aber nicht, wie er’s gemacht hat).

Viele kleine Abschnitte erzählen das Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Der Sohn Walter, die Ehefrau Hedwig, aber auch der Dorfpfarrer, seine Haushälterin, Gessler selbst, seine Soldaten, der Birki-Bauer … alle erzählenden Charaktere tragen mit ihren Persönlichkeiten zur grandiosen Lebensnähe der Geschichte bei und sei ihre Rolle noch so klein. Dabei „kennt“ man den Tell ja, weiß um den Apfelschuss und wie alles ausgeht. Und doch schafft Schmidt es, mit dem längst bekannten Plot eine unerwartet hohe Spannung zu erzeugen.

Ich jedenfalls würde Tell keine Schusswaffe in die Hand drücken. Aber ich werde ja nicht gefragt.

Schnelle Perspektivwechsel, viel Persönlichkeit

Für das, was bekannt ist, findet Schmidt teils neue Erklärungen und er ordnet seine Figuren ausgezeichnet in eine mögliche historische Realität ein. Tell wäre wohl viel weniger ein ordentlich gekleideter Jäger im bunten Wams und schicken Hosen, wie er in Bürglen steht, sondern viel eher einfacher Bauer, was in Altdorf schon besser herauskommt. Der Älpler Tell mag die Ruhe von seinem einsamen Berghof und die Nähe zu den Bergen, wo er seinen Bruder verloren hat. Den großen Viehmarkt in Altdorf will er wegen des Gewimmels schnell hinter sich lassen und einfach nur gut über den herannahenden Winter kommen.

Gesslers Soldaten sind teils üble Sadisten und gerne besoffen; dass die Landvögte so unbeliebt sind, liegt maßgeblich auch an diesen Spießgesellen. Der Landvogt selbst ist (im Gegensatz zu seinem Vorgänger) ein recht zart besaiteter Beamter, unglücklich weit weg von Zuhause, wo alles gesitteter abläuft und die Burgen bessere Wände haben. Mit Tell, der streng nach Stall riecht, will er eigentlich gar nicht zu tun haben. Er muss, weil seine Soldaten ihren eigenen Teil zum Geschehen beitragen.

Aber auch in dieser archaischen Welt gibt es überraschende Solidaritäten, die das Eine oder Andere am Ende gerade rücken helfen. Tell, der Eigenbrötler, wird mit sich selbst im Reinen sein, die Familie mit ihm, und was die Nachwelt mit der Geschichte macht, überlässt man im Isenthal getrost dem auswärtigen Amtschreiber.

Bibliografische Angaben

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07200-6
Deutsche Erstveröffentlichung: 2022

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