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Simone Weinmann – Die Erinnerung an unbekannte Städte

Simone Weinmann - Die Erinnerung an unbekannte Städte

In einer Nacht- und Nebelaktion flüchten die Teenager Nathanael und Vanessa aus ihrem Dorf in der Region „Nord 1“. Bepackt mit dem Nötigsten machen sie sich auf den Weg in den Süden. Durch den vielbeschworenen „Tunnel“ soll man nach Italien kommen, wo das Leben und das Klima noch an die Zeit vor dem katastrophalen „Tag Null“ vor etwa 15 Jahren erinnern. Sie flüchten vor der Enge eines Dorfs, in dem eine Sekte das gesellschaftliche Leben in die Hand genommen hat und alles mit sinnlosen Sprüchen eindeckt. Sie flüchten aus einem Gebiet, in dem das Leben entbehrungsreich geworden ist und selbst grundlegende medizinische Versorgung nicht mehr funktioniert, die Menschen von Medizin und anderen Wissenschaften ohnehin kaum noch Ahnung haben und es keinen Strom mehr gibt.

Für Natanael wird die Situation unerträglich, als die frömmelnde Mutter den neugierigen Jungen aus der Schule nimmt und ihn zur Ausbildung dem Prediger anvertraut. Dabei möchte der Bub unbedingt Arzt werden, vor allem, seit die kleine Schwester unbehandelt an einer Krankheit gestorben ist. Vanessa wiederum hat genug, als die Mutter zum wiederholten Mal einen neuen Freund hat und mit der Tochter zu ihm ziehen will. Mit Hilfe einer alten Karte bahnen sie sich ihren Weg durch unregierte Gegenden. Immer auf der Hut vor Überfällen, um den Tunnel zu erreichen. Als die Eltern das Verschwinden bemerken, schicken sie den Lehrer Ludwig hinter ihnen her.

Die unaussprechliche Katastrophe

Was an diesem Tag Null im Jahr 2030 genau passiert ist, lässt sich lange nur erahnen. Der Himmel lässt wenig Sonne durch, die Luft ist mit Staub gefüllt. Die Temperaturen sind kühl und müssen noch sehr viel tiefer gewesen sein. Auf den alten Autobahnen stehen verrostende Autos, längst auf der Suche nach Brauchbarem geplündert, in denen noch die damals erfrorenen Menschen liegen. Häuser sind eingestürzt und die Überlebenden quartieren sich in Gebäude ein, die die Jahre überdauert haben. Zwischen den Habseligkeiten der früheren Bewohner, von denen die meisten nutzlos geworden sind. Die Möglichkeiten, Häuser zu erhalten, sind nicht nur an sich begrenzt. Man kann nur noch Handwerkszeug gebrauchen, das ohne Strom funktioniert, und das handwerkliche Wissen ist offenbar ebenfalls eingeschränkt.

Viel mehr als das wissen Vanessa und Nathanael nicht (und damit auch nicht viel mehr als die Leser:innen). Die Erwachsenen reden nicht über die Tage und Monate nach der Katastrophe. Erst gegen Ende wird Ludwig einige Andeutungen machen und der kluge Nathanael zieht schon die richtigen Schlüsse, bevor Ludwig das Gespräch abbricht.

Überleben nach dem Zufallsprinzip

Die erzwungene Neuorganisation der Überlebenden zeigt, dass die Lebensumstände nicht nur dem Klima geschuldet sind. Schon in der Region direkt vor dem Tunnel sind die Bedingungen für die Landwirtschaft etwas besser. Und Gerüchten zufolge soll das Leben in Italien fast wie vor der Katastrophe ablaufen.

Auch organisatorisch und gesellschaftlich haben sich nicht alle Regionen gleich aufgestellt. Während in Nord 1 Soldaten zahllose Dinge geplündert haben, ließ man sämtliche Gerätschaften in Süd 1 stehen. So experimentieren die Bewohner des Südens schon wieder mit alten Elektrogeräten und versuchen sich an der Stromerzeugung, während die des Nordens ihre Verzweiflung in salbungsvollen Sprüchen ertränken und ihre Hilflosigkeit den Kindern als Glück verkaufen.

Simone Weinmann schneidet mit ihrem Thema unglaublich viele Aspekte an. Nie fühlt es sich an, als wäre das zu viel gewollt. Das Thema gibt es in Haupthandlung und Nebenszenen schlicht und einfach her. Da ist all das Unausgesprochene, was die Jahre nach einer Katastrophe prägt. Alleine an den neu gebildeten Gesellschaften ist erkennbar, wie schnell Menschen sich gegen das gemeinschaftliche Arbeiten entscheiden. Das haben viele Autoren schon beschrieben (wie in „Herr der Fliegen“ oder „Die Mauer„) und Experimente bewiesen. Wer Tag Null bewusst miterlebt hat, hat für sein Überleben höchstwahrscheinlich irgendetwas getan, was es zu Vergessen gilt.

Folglich sind auch auf der einen Seite die Erwachsenen, die sich einrichten und in gewisser Weise auch einrichten müssen, während die Kinder auf der anderen eigene Visionen des Möglichen entwickeln und zudem genug Energie mitbringen, sie verwirklichen zu wollen. Diese „Erinnerung an unbekannte Städte“, halb vermittelt, halb erraten, ist ihr Wegweiser in eine andere Zukunft.

Heute schien im ganzen Dorf und der Umgebung nur einer dazu entschlossen, zurück in die Zivilisation zu finden, Nathanael. Aber es gibt sie nicht mehr, dachte Ludwig.

Misslungenes Klima-Reset

Freilich exisitiert auch eine lebendige Gerüchteküche. Darüber zum Beispiel, dass in einem Tal am See vielleicht doch die Stromproduktion erhalten werden konnte. Oder darüber, wie es zur Katastophe gekommen war. Jene Menschen, die bereit sind, darüber zu reden, vermuten Geoengineering dahinter, um die Erderwärmung zu stoppen. Nur darüber, ob das gründlich schiefgegangen ist oder exakt so geplant war, gibt es keine Einigung.

Ja, „Die Erinnerung an unbekannte Städte“ ist Fiktion. Aber ähnlich wie in „Regenschatten“ sind die Szenarien plausibel. Während Kobler Szenarien einbindet, die bereits so vorkommen, zeichnet Weinmann das Bild einer möglichen Realität. Aus dem Jahr 1816, dem Jahr ohne Sommer, kennt man einige der Auswirkungen einer sehr hohen Partikelkonzentration in der Luft.

Nathanael versuchte, sich den Fluss von Gütern vorzustellen, die früher kreuz und quer über den Erdball transportiert wurden. Alles aufeinander abgestimmt. Dieser Aufwand, den man betrieben hatte, als wäre schon der Aufwand an sich zu etwas gut.

Dank dieser gut verknüpften Ebenen ist Weinmanns Debütroman nicht nur eine stark Erzählung über die Natur und das Klima, die Gesellschaft und ihre Ziele. Es ist auch ein kritischer Blick auf unser Heute. Denn obgleich die Menschen in den Dörfern von allem zu wenig haben, so ist auch klar, dass vor dem Tag Null in mancherlei Hinsicht sinnloser Überfluss existiert: „Unglaublich, wie viel Kleidung die Menschen früher gehabt hatten, als müsse jeder von ihnen zehn weitere damit versorgen.“

Es gibt also eine Menge Entscheidungen, die man selbst in der Hand hat — auf persönlicher wie politischer Ebene. Und die Geschichte ermuntert dazu, die Visionen nicht zu verlieren. Aufgeben und sich an vermeintliche Prophetinnen verlieren ist einfach, aber in einer solchen Situation eben wenig zielführend. Das vermittelt Simone Weinmann sehr eindrucksvoll.

Bibliografische Angaben

Verlag: Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-453-0
Deutsche Erstveröffentlichung: 2021

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