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Atsuhiro Yoshida – Gute Nacht, Tokio

Atsuhiro Yoshida - Gute Nacht, Tokio

Tokyo nachts um eins. Da schläft längst nicht jeder. So wie Matsui zum Beispiel, der seine Fahrgäste im fast schwarzen Taxi durch die Stadt fährt. Eine davon ist Filmrequisiteurin Mitsuki. Mitten in der Nacht fällt ihr eine Lücke in der sonst abgehakten Requisitenliste für den folgenden Tag auf. Da fehlt eine Biwa, doch die spezialisierten Obstläden haben längst zu. In solchen Fällen hilft nur der Anruf bei Matsui, der die junge Frau wegen ausgedehnter Suchfahrten schon zu seinen Stammkunden zählt.

Erinnern Sie sich noch an den grünen Apfel, den ich mal beschaffen musste? Da sind wir auch durch die ganze Nacht durch Tokio gekurvt, weil die gerade keine Saison hatten.

Nachts ist auch das „Drehkreuz“ offen, liebste Anlaufstelle für Matsui in seinen Pausen. Dieses Bistro wird von vier Frauen geführt, die ihre eigenen Kneipen geschlossen haben und nun gemeinsam arbeiten. Wach sind Kanako, die für die Telefonseelsorge arbeitet oder Privatdetektiv Shuro, der sich von Matsui in Shinjuku aufpicken lässt.

Alles greift hier ineinander

Die Kunst von Atsuhiro Yoshida ist es, seine Figuren in diesem Episodenroman behutsam miteinander zu verknüpfen. Es gibt viele Figuren und dementsprechend viele Berufe und Interessen, die Stück für Stück in Beziehung geraten. Da ist zum Beispiel ein Verlobter, der leidenschaftlich gerne Krähen beobachtet, eine der Figuren brennt Schnaps aus den Biwa-Früchten, die Mitsuki sucht und eine andere war einst Barkeeper in einer legendären Bar auf der Ginza. Jemand sucht seinen Bruder, der sich vor Jahren von der Familie abgesetzt hat und einer besucht alle Orte in Tokyo, an denen er jemals gelebt hat. Eine der Bistrobetreiberinnen trauert ihrem liebsten Stammgast hinterher, den sie seit Schließung ihres früheren Lokals nicht mehr wiedergesehen hat.

Das alles geschieht mit einer großen Portion Poesie und einem Gespür für den magischen Reigen, den der Zufall manchmal spielt. Vor allem, wenn alle Figuren eines eint: Sie suchen allesamt etwas. Menschen, Biwa-Früchte, Gewissheiten oder gutes Essen. Es hat ein bisschen was von der TV-Serie Midnight Diner, wo die Gäste abwechselnd im Rampenlicht stehen und immer ein wenig hoffen können.

Oft erzähle ich mehr zu Büchern und ihren Strukturen, aber das möchte ich in diesem Fall gar nicht machen. Wie Yoshida, der das Cover zu „Gute Nacht, Tokio“ übrigens selbst beigesteuert hat, seine Figuren aufeinander treffen lässt, sollte jeder selbst erspüren. Das Ende, zugegeben, hat eine leicht kitschige Note. Dennoch ist es einfach nur furchtbar konsequent und passt zu der Idee, dass wir alle um einige Ecken miteinander zu tun haben, wenn wir uns auf die Zufälle und die Spuren zueinander einlassen — was Atsuhiro Yoshida in seinem Roman in Perfektion vorführt.

Bibliografische Angaben

Verlag: Cass
ISBN: 978-3-94475-128-3
Originaltitel: Oyasumi Tokyo (おやすみ東京)
Erstveröffentlichung: 2019
Deutsche Erstveröffentlichung: 2022
Übersetzung: Katja Busson


Noch ein Serientipp? Dann der hier: Samurai Gourmet

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