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Samurai Gourmet: Szenenfoto aus der ersten Folge / Netflix-Serie nach Kurzgeschichten von Masayuki Kasumi

Samurai Gourmet: Essen gehen mit Masayuki Kuzumi

Essen in Japan ist ein großer Genuss — wobei ich zugegebenermaßen fast nur über Tokyo sprechen kann, wo sich dafür die Auswahl ins Unermessliche steigert. Die Kneipen sind manchmal winzig klein (zum Beispiel beim Okonomiyaki-Essen in Shimokitazwa), mal unerwartet groß und verschachtelt. Mal wird richtig gekellnert und mal gibt es Familienrestaurants, wo das Sushi auf dem Band kommt, die Tellerchen über Klappen zurück in die Küche geschickt werden und für jeden zehnten Teller erhält man eine kleine Überraschung. Viele Restaurants spezialisieren sich auf ein Gericht und seine Variationen. Man sucht dementsprechend nicht erst am Tisch auf der Menukarte nach dem Gericht, auf das man gerade Lust hat, sondern entscheidet bereits auf der Straße, wohin es gehen soll.

Weil das Essen so viel Spaß macht und dazu bestens schmeckt, gibt es mit Masayuki Kuzumi einen Autor (plus Mangakünstler, Schauspieler und Musiker), dessen Geschichten sich teils nur um Restaurants, Kneipen und Essen, Essen, Essen drehen. In Japan erschienen –den Titeln nach zu urteilen– so einige davon (Tipp: Google Chrome übersetzt automatisch).

Unterwegs mit den Gourmets der Stadt

Samurai Gourmet / Netflix-Serie nach Kurzgeschichten von Masayuki Kasumi

Wer sich für Kuzumis Geschichten interessiert, findet hierzulande zwei Möglichkeiten. Entweder liest man die Taniguchi-Manga, die nach seinen Geschichten entstanden sind oder man schaut Netflix. Aufmerksam speziell auf die TV-Serie machte mich die Serienvorstellung bei Litteratur. Das war gut so, sonst hätte ich die Serie vermutlich nie entdeckt.

Die Manga zeichnete Kuzumi nicht selber. Dafür arbeitete er mit Jiro Taniguchi zusammen, mit dem zwei Bände entstanden. Der Gourmet: Von der Kunst allein zu genießen und Der Gourmet: Auf den Spuren feiner Kochkunst (beide Kodoku no gurume / 孤独のグルメ, Band 1 und 2). Das japanische Fernsehen verfilmte die Geschichten ab 2012 in mehreren Staffeln. Netflix wiederum veröffentlichte 2017 die Serie Samurai Gourmet mit insgesamt 12 Folgen. Grundlage dafür ist die Geschichtenserie Nobushi no gurume / 野武士のグルメ von 2009, die ebenfalls zusätzlich als Manga realisiert wurde (Zeichner: Shigeru Tsuchiyama). Nur sind die Samurai-Geschichten nicht auf Deutsch erschienen.

Quer durch Tokyo

In beiden Serien sind schlicht und einfach einsame Männer unterwegs und haben Hunger. Während es in einem Fall der Handelsreisende Goto Inokashira ist, beobachtet Samurai Gourmet den Neu-Rentner Takeshi Kasumi. Jener weiß mit seiner vielen Zeit kaum etwas anzufangen. Seine Frau rät ihm, doch einfach mal raus zu gehen. So gerät Kasumi in Ecken seines Wohnviertels, wo er zuvor nie gewesen ist und sieht mittags ein Restaurant, an dem er bisher achtlos vorbei gelaufen war. Das bereitet ihm so viel Freude, dass er sich fortan quer durch Tokyo auf die Suche nach gutem Essen macht.

Diese Geschichte handelt von einem normalen 60-jährigen Mann, der dank eines herrenlosen Samurai zwanglos Mahlzeiten zu sich nehmen kann.

aus dem Intro von: Samurai Gourmet

Begleitet wird er dabei tatsächlich von einem Samurai (japanisch: Nobushi). Immer, wenn Kasumi sich zu viele Sorgen macht oder sich etwas nicht traut, taucht dieser herrenlose Samurai in einer Art Traumsequenz auf. Die gesamte Aufmachung wechselt dann für einige Szenen: Alle Schauspieler bis auf Kasumi tragen traditionelle Kleider und Frisuren, die Farben wechseln zur Optik alter Fotos. Der Samurai schert sich wenig um Konventionen und fungiert wie ein alter ego des Rentners. Ohne “Herr”, also ohne Firma, der sich das traut, was Kasumi nicht wagen mag. Wenn Kasumi wieder in die Realität zurückkehrt, löst sich das Problem dank des Samurai auf die eine oder andere Weise auf.

Essen mit Witz und Ästhetik

Die einzelnen Folgen sind mit rund 20 Minuten ziemlich kurz. Doch es dreht sich eben alles nur um das jeweilige Restaurant und eine kleine Familiengeschichte drumherum. Speziell mit denen sorgt die Serie für überraschend viel Humor. Zum Witz der Serie gehört es auch, dass sich die Problemlösung durch den Samurai nie vorhersehen lässt.

Während bei den Manga speziell die Menus besonders detailreich gezeichnet sind und die Hauptperson ausführlich isst, kümmert sich der Film sehr um die Ästhetik des Kochens (und natürlich des Essens selbst). Nahaufnahmen und Slow Motion wechseln ab mit spektakulären Flammen in der Pfanne. Und die Kamera hält auch jedes Mal drauf, wenn jemand anders im Restaurant sein Essen serviert bekommt.

野武士のグルメ - 巡礼ガイド: Pilgerführer zur Serie "Samurai Gourmet" von Masayuki Kuzumi. Der Guide listet alle Restaurants, in denen die Hauptfigur Kasumi einkehrt.
“Pilgerführer” zur Serie Samurai Gourmet

Die Gourmet-Manga mit Jiro Taniguchi erklären im Inhaltsverzeichnis, wo Inokashira essen geht. In der Netflix-Serie ist nur klar, dass auch Kasumi sich in verschiedenen Vierteln bewegt. Manche Stellen erkennt man vielleicht (darunter den Zedernbaum in Yanaka), aber konkrete Angaben gibt es keine. Trotzdem: Fans der Serien pilgern zu den Restaurants, die Kuzumi in seinen Geschichten zeigt, denn alle davon gibt es tatsächlich. Erfinden würde er das Setting der Story zuliebe niemals. Selbst, wenn ich im TV nie weiß, wo Kasumi gerade ausgeht, mag ich dieses Wissen, dass eben jenes Restaurant existiert. Nur Japaner kommen in den Genuss, die Restaurants tatsächlich zu finden. Es gibt nämlich einen “Pilgerführer” (der heißt im Original wirklich so).

Besser als Sterneküche

Satt sollte man auf alle Fälle sein, bevor man den Fernseher einschaltet. Die Serie ist detailverliebt gemacht und wechselt freilich auch bei den Mahlzeiten jedes Mal ab. Auf Instagram würde mal laufend #foodporn hinter die Bilder setzen. Kasumi wiederum gefällt mir, weil er so unglaublich viel Freude an seiner neuen Freizeit hat. Er lernt zu genießen und braucht dafür nicht einmal viel: Kleine Menüs, alltägliches Essen, nette Streifzüge durch die Stadt. Wie recht er damit hat.

Viel Worte gibt es oft auch nicht. In Anbetracht der üppigen Essensbilder und des Essens an sich reicht ein “mmmh” völlig aus. Mich haben die Folgen so begeistert, dass ich in diesem Beitrag ausnahmsweise mal kein Buch in den Vordergrund stelle. Setzt es in die Rubrik “Literaturverfilmung”. So weit sind wir von dieser Sparte dank Masayuki Kuzumi wirklich nicht entfernt.


Titelfoto, Kalligrafie und Plakat: Netflix / Cover: Gentosha

Netflix, 2017
Besetzung: Naoko Takenaka, Tetsuji Tamayama, Honami Suzuki u.v.m.

Samurai Gourmet: Intro / Netflix-Serie nach Kurzgeschichten von Masayuki Kasumi

One comment

  1. Hallo Bettina

    Vielen Dank für die nette Erwähnung. Du weckst Erinnerungen in mir. Ich denke gerne zurück an den netten und schüchternen kleinen Mann und seine riesige Freude an (fast) allem, das er aß. Solche Serien sollte es mehr geben.

    Gruss

    Paul

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