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Kotaro Isaka – Bullet Train

Tokio Station, Abfahrt des Shinkansen „Hayate“ nach Morioka. Die Killer Lemon und Tangerine glauben sich sicher. Sie haben ihren Job in Tokyo erledigt und den entführten Sohn des Bosses Minegishi befreit. Nun fahren sie zu dritt nach Norden mit dem Koffer voller Lösegeld, um den Mann bei seinem Vater abzuliefern. Doch irgendwer will ihren Job vereiteln. Der Sohn liegt plötzlich tot in seiner Sitzecke und der Koffer ist obendrein auch verschwunden. Das stellt auch Nanao leidgeprüft fest. Dieser Kriminelle stieg ebenfalls in Tokyo in den Zug mit dem Ziel, dem Gangsterduo den Koffer abzuluchsen und am Bahnhof Tokyo-Ueno damit schon wieder auszusteigen. Doch nun bleibt ihm nichts anderes übrig, als im Shinkansen zu bleiben, den Koffer bis zur nächsten Station aufzutreiben und dann schnellstens zu verschwinden.

Insgesamt treiben sich in diesem Zug überraschend viele Ganster und Bösewichte herum. Da wäre noch Kimura, der sich eigentlich zurückgezogen hat und nur deshalb aus der Versenkung kam, um seinen Sohn zu rächen. Der liegt im Koma und seinen Informationen zufolge sitzt der Schuldige im Zug. Oji, „der Prinz“, ein 14 Jahre alter Schüler.

Ein Kammerspiel für Gangster

So unterschiedlich die Gründe für ihre Zugfahrten sind, so unterschiedlich ticken die Menschen. Kimura trinkt zu viel und verzichtet für den bedeutendsten Einsatz seines Lebens auf den Flachmann. Der Schüler Oji wiederum ist ein hoch manipulativer Junge. Er herrscht sprichwörtlich über einen Kreis höriger Jugendlicher, die er ohne jeglichen moralischen oder menschlichen Maßstab nach Belieben dirigiert. Hört man ihn reden, hat man es mit einem abgebrühten Kopf zu tun, der sich im Shinkansen aber lange durch die Schüleruniform und sein Alter über Wasser halten kann.

Barry Eisler
Tetsuya Honda

Ganz anders das Duo Lemon und Tangerine. Der eine ein Schöngeist, der die Klassiker der Literatur kennt und jeden Schritt wohlüberlegt antritt. Der andere ein fast kindliches Muskelpaket, der sich für die Zeichentrickserie um die Lokomotive Thomas begeistert. Er zieht seine ganze Menschenkenntnis daraus, indem er andere mit den Lok-Charakteren vergleicht und daraus seine Schlüsse zieht. Als Gangsterduo haben sich die beiden längt einen gewissen Ruf erarbeitet. Nanao wiederum ist der Pechvogel unter den Kriminellen. Seine Verbindung zur Außenwelt ist Maria, von der er seine Aufträge erhält. Sie ist zugleich die „Telefonseelsorge“ für Nanao, der gar nicht fassen kann, wie viel Pech er bei seinen Aufträgen hat.

Eine Extraportion von allem, bitte

Würde man das Buch schubladisieren wollen, müsste man zwischen Ironie, Mord, Slapstick, Komödie und Thriller springen. Man hätte für die Verfilmung, die im August in die Kinos kommt, gar nicht übertreiben müssen (nein, Nanao hängt nie bei voller Fahrt aus der Zugtür). Kotaro Isaka hat sein Kammerspiel gespickt mit Kniffen und die Beschränkung auf den engen Raum tut ihr übriges. Wo lässt sich ein Koffer verstecken und wo eine Leiche? Wie sorgt man dafür, dass die regulären Passagiere keinen Verdacht schöpfen?

Die Gangster laufen sich zwangsläufig über den Weg. Nicht alles ahnen sie von Beginn an, doch hier verfolgt jeder eigene Pläne und jeder will seine eigene Haut retten, sodass kleine Hinweise auf andere zur Ablenkung eigener Missetaten hoffentlich nicht schaden könnten. Isaka erzählt den Roman abwechselnd aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven, sodass sich nicht immer gleich das ganze Bild erschließt. Während der Leser viele Zusammenhänge zügig erschließt, bleiben die Killer manchmal einiges länger im Unklaren über ihre Mitfahrenden.

Das Problem ist, wie man mit Informationen umgeht. … Jede Information ist zum Teil richtig und zum Teil falsch. Es sagt dir bloß niemand, welcher Teil richtig ist und welcher falsch.

Japan ist ein Krimi-Land

„Bullet Train“ ist ein lohnendes Action-Buch. Es gehört zur Klasse jener Romane, die ich kaum aus der Hand legen wollte. Übersetzerin Katja Busson hatte definitiv recht, als sie mir Japan als Land der Krimiliebe vorstellte. Der nahtlose Wechsel zwischen den lustigen Wortgefechten bei den so hartgesottenen Lemon und Tangerine und den hundsgemeinen Manipulationen von Oji, den verzweifelten Telefonaten zwischen Maria und Nanao und seiner gleichzeitig reaktionsschnellen Arbeit ist eine Mischung, die ich so selten erlebe. Kotaro Isaka bringt es obendrein fertig, am Ende mit einer Überraschung aufzuwarten.

Und da möchte ich abschließend doch einmal sehr laut nachfragen, warum es erst eine Verfilmung mit Brad Pitt braucht, bevor Verlage auf (Action)Stoffe aus anderen Ländern aufmerksam werden. Abgesehen von meiner Vorliebe für japanische Titel käme es der literarischen Vielfalt insgesamt sehr viel besser zugute.

Bibliografische Angaben

Verlag: Hoffmann und Campe
ISBN: 978-3-455-01322-1
Originaltitel: Mariabitoru (マリアビートル)
Erstveröffentlichung: 2010
Deutsche Erstveröffentlichung: 2022
Übersetzung: Katja Busson

Add-on

Hört man den Kriminellen gut zu, erfährt man einiges über die Crème de la Crème der Unterwelt. Bewunderung ernten Killer wie die „Wespe“ oder der „Wal“, die teils von der Bildfläche verschwunden sind. Oder Unterweltboss Terahara, der irgendwem in die Quere gekommen ist und ganz sicher das Zeitliche gesegnet hat. Ich schätze, japanische Leser dürften hier ein bisschen mehr Spaß aus den Dialogen ziehen, denn einige der im Lauf der Zeit aufkommenden Namen tauchten bereits im Roman グラスホッパー von 2004 auf (engl: Three Assasins) — was meine Hoffnung nährt, dass sich jemand (ebenso wie im Englischen) nun an dessen Übersetzung wagen möge. Keine Sorge übrigens, dass man die Figuren kennen muss: Bullet Train liest sich so oder so ganz hervorragend.

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