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Bianca Kos – Das Mundstück

Buchcover: Bianca Kos - Das Mundstück. Otto Müller Verlag 2019

“Die passende Destination für Geschäftsreisende und entdeckungsfreudige Urlauber” heißt es in einem Reisetipp über jene Stadt, die Bianca Kos in ihrem Roman portraitiert: Charkiw in der Ukraine. Doch wie kommt man überhaupt dorthin? Wer keine Geschäfte mit der Ukraine macht, stolpert so schnell sicher nicht über diesen Namen. Dabei hat die Stadt 1,5 Millionen Einwohner und ist die zweitgrößte Stadt des Landes.

Bianca Kos ging als Lektorin des OeAD (Österreichischer Austauschdienst) dorthin. In eine Stadt mit 42 Universitäten und Hochschulen, sagt Wikipedia. Damit ist Charkiw nach der Landeshauptstadt Kiew das bedeutendste Wissenschafts- und Bildungszentrum der Ukraine, verfügt über mehrere Theater und Museen und obendrein ist die Stadt ein Industriezentrum und Verkehrsknotenpunkt. Warum gibt es zu so einer bedeutenden Großstadt dann nicht gleichberechtigt zu Kiew Reiseführer? Kos nutzt ihren Aufenthalt, um die Lücke zu füllen.

Diese für ein Städteleben gerade im jugendlichen Flegelalter stehende Stadt besteht zu achtzig Prozent aus Straßen mit Schlaglöchern, zu neunzig Prozent aus Straßenfegerinnen, zu neunundneunzig Prozent aus lackierten Fingernägeln und zu hundert Prozent aus nicht trinkbarem Leitungswasser. Seit ich hier bin, übertreibe ich gerne, und zwar maßlos.

Reise durch den Darm der Stadt

Bianca Kos nutzt jede Möglichkeit, sich die Stadt zu erarbeiten. Ein paar Tipps erhofft sie sich von ihren Studenten, denen sie entsprechende Hausarbeiten verpasst: “Schreiben Sie über das Nachtleben, die Denkmäler, das Shopping, die Friedhöfe”. Sie fährt stundenlang Bus, leiht sich kaputte Fahrräder und verirrt sich in riesigen Industrievierteln.

Irgendwann beginnt sie, die Stadt mit anderen Augen zu sehen: “Wenn man eine Stadt mit einem menschlichen Körper vergleichen würde, …” schreibt Kos, dann bietet sich die U-Bahn als Darm an. Steil, spitz, geschmückt mit Lack die Kirchen? Das müssen die Fingernägel sein. Straßen formen Venen und Arterien. Selbst Gerinnungsstörungen kommen vor. Klingt abwegig? Nicht, wenn Kos ihre Beobachtungen in perfekte Miniaturen verwandelt und nach zwei Zeilen wunderbar klar ist, warum ausgerechnet Fingernägel den Status eines kleinen Heiligtums haben.

Der sechzehnte Oktober ist auch deshalb bedeutend, weil ich an diesem Tag meine Jagd auf Serhij Zhadan beginne.

Und das Mundstück?

Kos kennt Werke von Serhij Zhadan, ein bekannter Schriftsteller aus der Ukraine, glaubt, ihn auch das eine oder andere Mal irgendwo gesehen zu haben. Vielleicht sucht sie deshalb so intensiv den Kontakt, weil sein Werk das einzige, wenn auch noch so vage Bindeglied ist, das sie in die Stadt hat. Ansonsten fällt ihr in dieser Stadt nichts in den Schoß. Die Sprache nicht, die Warmwasserversorgung nicht. Die Studenten erwarten, dass der Notenspiegel weniger mit Leistung und mehr mit “Zuschüssen” zu tun hat.

Neben Zhadan ist Kos’ zweite große Verbindung zu Österreich und der deutschen Sprache das “Mundstück”. Das Wort steht auf Plakaten und wird zu ihrer zweiten Obsession: Wofür macht dieses Plakat aufmerksam? Und warum findet ausgerechnet dieses Wort “Mundstück” seinen Weg hierher?

Ein Jahr lang lebt Bianca Kos in der Großstadt, die hier niemand kennt. Ihr Reiseführer ist keiner, der mit Öffnungszeiten und Eintrittspreisen aufwartet, sondern einer, der die Lust auf das Fremde transportiert. Kos erzählt auch mal von verzweifelten Stunden in Warteschlangen der Bürokratie. Oder davon, dass just der Schuster schließt, bei dem sie ihre Schuhe abgegeben hat. Doch egal was passiert, es gehört alles zu diesem umfassenden Abenteuer mit dazu, das sie mit ihren neuen Freunden und Bekannten mit großer Energie und Entdeckerlust angeht.

Bibliografische Daten

Verlag: Otto Müller
ISBN: 978-3-7013-1270-2
Erstveröffentlichung: 2019


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