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Emi Yagi – Frau Shibatas geniale Idee

Was tun, wenn sich benutzte Kaffeetassen stapeln, der Altpapierstapel fast zusammenbricht und das Kopierpapier nachgefüllt werden muss? Man wendet sich vertrauensvoll an Frau Shibata. Die junge Frau arbeitet bei einer Firma für Papierrollen, als einzige Frau in einer Abteilung voller Männer. Von denen käme nie einer auf die Idee, seine Tasse nach einer Sitzung selbst in die Kaffeeküche zu tragen. Und wenn ein zufriedener Kunde zum Dank etwas Süßes an die Abteilung schickt, ist es Frau Shibata, die reihum anbietet und selbstverständlich verzichtet, sollte sich der Kunde versehentlich verzählt haben. Dabei ist sie den Kollegen in ihrer Qualifikation völlig ebenbürtig. Der einzige Unterschied ist eben nur der: Frau Shibata ist eine Frau. Und Frauen haben sich zu kümmern.

Eines Tages reicht es aber. In den Kaffeetassen schwimmen Zigarettenstummel und die Kollegen haben stinkende Brühe hinterlassen. So erklärt sich Frau Shibata kurzerhand als schwanger — die plausibelste und unverfänglichste Art des Protests, der ihr eingefallen ist. Mit diesem Moment ändert sich alles. Ihre Arbeitsbedingungen ändern sich zum Besseren. Sie verlässt pünktlich die Firma, die Ernährung verbessert sich. Zumindest ein Kollege merkt zudem, dass Kaffeekochen gar kein Hexenwerk ist: Die Abteilung benutzt nämlich Instantpulver.

Einmal bekam ich die Unterhaltung einer Gruppe Kollegen mit, die erfahren hatten, dass ich einen Auswärtstermin hatte, während sie Gäste empfingen.
„Wie regeln wir das heute Nachmittag eigentlich mit dem Kaffee?“
„Ich habe schon eine Kollegin aus einer anderen Abteilung organisiert. Sie macht das für uns.“
„Sehr gut! Ich sehe, Sie denken mit!“

Mit fortschreitender „Schwangerschaft“ verändert sich Frau Shibata. Sie informiert sich über die üblichen Abläufe der Schwangerschaftsmonate, besucht passende Yogakurse und überlegt sich sogar einen Namen für ihr Kind. Die Schwangerschaft verselbständigt sich auf unerwartete Weise. Sie belügt ihre Umwelt und am Ende sehr raffiniert auch uns Leser:innen.

Auswege und Umwege

Bevor Yagis Debutroman überhaupt in Japan erschien, wurden bereits Übersetzungsrechte in sechs verschiedenen Länder verkauft. Was mich nicht sehr wundert. Emi Yagi findet mit Frau Shibata, so japanisch das Setting ist, Bilder für universelle Probleme. Dass Abteilungen nur Mitarbeiterinnen für den unangenehmen Kleinkram einspannen, ist nicht sehr länderspezifisch. Aufbegehren ist schwierig, kündigen schon einfacher. Die Erfahrungen von Frau Yagi zeigen, dass aber auch das nicht immer das Gelbe vom Ei ist (eine ausfürlichere Rezension dazu hat Lisette Gebhardt geschrieben).

Mit Ausnahme von Stillen sind unsere Bedingungen gleich. Doch der werte Herr meint, er bräuchte Zeit, um in die Rolle des Vaters zu wachsen. Geht es noch? Du bist schon seit zehn Monaten Vater. … Wieso forderst du, dass ich dir unendlich dankbar bin, nur weil du ein einziges Mal die Windeln gewechselt hast?

Nicht nur Frau Shibata wird im Lauf des Romans ihre Situation neu überdenken und sich mit einer Veränderung ausrichten. Ihre Schwangerschaft wird auch die Abteilung verändern und die Kollegen stellen fest, dass die alltäglichen Besorgungen weder Hexenwerk sind, noch sie von ihrer eigentlich Arbeit sonderlich abhalten. Eine Abteilung ist Teamwork, eine Kind zu haben ebenso. Ausgeglichene Arbeitsbedingungen, soziale Kontakte, respektvoller Umgang — eigentlich fordert Shibata für sich nichts ungewöhnliches und einen gesellschaftlichen Standard. Dass sie ihn nur durch eine spontane Lüge erzielt, sollte man ihr nicht alleine ankreiden, sondern ihrem Umfeld mindestens ebenso.

Emi Yagi findet in ihrem Roman leichte und originelle Bilder für etwas, das Frau Shibata nach ihren Erfahrungen und Recherchen gegen Ende mehrschichtig und mehrdeutig zusammenfasst: „Ein Kind zu bekommen ist die Hölle, keines zu bekommen ebenso.“

Bibliografische Angaben

Emi Yagi - Frau Shibatas geniale Idee, Cover, 300px breit

Verlag: Atlantik
ISBN: 978-3-03882-111-3
Originaltitel: Kushin Techo (空芯手帳)
Erstveröffentlichung: 2020
Deutsche Erstveröffentlichung: 2021
Übersetzung: Luise Steggewitz

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