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Riku Onda – Die Aosawa Morde

Das Haus der Familie Aosawa ist an diesem drückenden Sommertag einer großen Feier gewidmet. Gleich drei Familienmitglieder haben an demselben Tag Geburtstag und den ganzen Tag schon gehen Gratulanten ein und aus. Doch als die Menschen im Haus am Nachmittag mit einer Geschenksendung aus Sake und Limonaden gemeinsam anstoßen, gibt es eine Tragödie. Siebzehn Menschen sterben qualvoll, weil die Getränke vergiftet waren. Eine Hausangestellte überlebt mit viel Glück und aus der Familie selbst überlebt nur Hisako, die blinde Tochter.

Die Ermittlungen verlaufen ergebnislos. Der Selbstmord des Mannes, der die Getränke lieferte, verwirrt die Ermittler eher. Ihm werden die Aosawa-Morde zwar zugerechnet und der Fall wird abgeschlossen, doch seine Motive gibt der Mann nicht bekannt. Besonders zwei der Ermittler sind davon überzeugt, dass es einen Drahtzieher gibt, den sie nicht fassen können.

Eine Frage der Perspektive

Riku Onda erzählt das Buch auf eine außergewöhnliche Art. In jedem Kapitel schildert eine andere Person, wie sie wie sie die Aosawa-Morde erlebt hat. Wer das jeweils ist, stellt sich oft erst im Lauf des Kapitels heraus. Das erste Kapitel gestaltet Makiko, die sich intensiv mit den Vergiftungen befasst hatte. Sie kam damals, vor dreißig Jahren, als Kind mit ihren Brüdern zum Haus und entdeckte die Tragödie. Die Kinder alarmierten die Polizei und die Nachbarschaft und wie sich später herausstellt, hätte auch einer ihrer Brüder beinahe etwas von der Limonade getrunken. Als Studentin recherchierte Makiko mehrmals vor Ort, sprach mit Anwohnern und Nachbarn und veröffentlichte etwa zehn Jahre nach dem Vorfall ein Buch darüber.

Aus irgendeinem Anlass gewinnt der Zufall an Geschwindigkeit, wie ein Schneeball, der einen Hang hinunterrollt, größer und größer wird, bis alles am Fuße des Hangs von ihm niedergewalzt wird. … Mein Gefühl sagt mir, dass dieses Verbrechen so etwas war.

Auch der junge Mann, der ihr bei Interviews und Transkriptionen geholfen hatte, berichtet über die Recherchen. Die beiden Polizisten, die damals ermittelt hatten, einer davon bereits in Rente, schildern ihre Eindrücke und ihren Frust. Beide zerbrechen sich bis heute den Kopf darüber, wo sie etwas übersehen haben. Selbst der Lektor, der sich um Makikos Buch gekümmert hatte, trägt seine Sicht auf das Geschehen bei. Das frustrierend offene Ende der Aosawa-Morde sorgt dafür, dass dreißig Jahre danach erneut jemand versucht, die Geschichten der damaligen Zeitzeugen richtig zusammenzusetzen. Dazwischen zeigen sich Ausschnitte aus Zeitungsartikeln, Tagebuchnotizen oder Passagen aus Makikos Buch.

Annäherung an ein Rätsel

Aus der Herangehensweise von Onda ergibt sich eine hohe, wenn auch eher ruhige Spannung. Jeder Beitrag für sich genommen kann das Rätsel um die Täterschaft nicht klären. Die Sprünge halten auf Trab und erzeugen beim Lesen das ungemütliche Gefühl, das die Polizei gehabt haben dürfte: Wo ist das übersehene Puzzleteil? Wo, verflixt, lugt der rote Faden raus, der alles zusammenhält? Was immer und immer wieder fehlt, ist der eine Blick, der alles zusammenfügen könnte. Denn ähnlich wie das oft bei Keigo Higashino der Fall ist, gibt es durchaus eine klare verdächtige Person. Nur kann man ihr nicht beikommen, solange mangels fehlender Verknüpfungen die Plausibilität fehlt.

Riku Onda ist im deutschsprachigen Raum noch nicht bekannt, dafür in Japan umso populärer. Sie erhielt bereits zahlreiche Preise für ihre Werke; mehrere davon wurden zudem verfilmt oder auf die Theaterbühne gebracht. Für „Die Aosawa Morde“ erhielt sie 2006 den Mystery Writers of Japan Award. Auf Englisch wird in diesem Jahr Fish Swimming in Dappled Sunlight (Original: 木漏れ日に泳ぐ魚) erscheinen, ein Kriminalroman, der in nur einer Nacht spielt. Beide Protagonisten glauben, dass der jeweils andere ein Mörder ist und versuchen, ein Geständnis zu bekommen. Zwei unterschiedliche Romane, zwei unterschiedliche Settings, doch zeigen beide, dass Riku Onda offenbar mit raffinierten Konstruktionen und psychologischen Spielchen die Bücherregale auf eine ganz besondere Weise bereichert.

Riku Onda - Die Aosawa Morde

Bibliografische Angaben

Verlag: Atrium
ISBN: 978-3-85535-127-5
Originaltitel: Eugenia (ユージニア)
Erstveröffentlichung: 2005
Deutsche Erstveröffentlichung: 2022
Übersetzung: Nora Bartels

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