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Heike Behrend – Menschwerdung eines Affen

Heike Behrend - Menschwerdung eines Affen / Nominierung Deutscher Sachbuchpreis 2021

Die Forscher:innen der Ethnologie ziehen aus, um andere Kulturen kennen zu lernen, ihre Sitten und Bräuche. Sie beobachten und fragen und versuchen, Werte und gesellschaftliche Mechanismen zu verstehen. Heike Behrend, Ethnologin und Religionswissenschaftlerin, setzte bei ihren Arbeiten den Schwerpunkt auf Afrika.

In “Menschwerdung eines Affen” blickt sie auf ihre Arbeit in Kenia und Uganda zurück und nimmt ihre zahlreichen Forschungsreisen als Anlass zum Nachdenken. Nicht nur über ihre Arbeit und ihre Erfahrungen, sondern auch über die Ethnologie an sich. Sie lotet die Grenzen der Forschungsarbeiten aus und reflektiert ihre Aufenthalte im Rückblick, losgelöst von Forschungsverpflichtung und einem größeren Erfahrungsschatz.

Mit diesem Buch landete die Autorin auf der Nominiertenliste vom Deutschen Sachbuchpreis 2021, der in diesem Jahr erstmals vergeben wird. Bereits ausgezeichnet wurde sie mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2021 (Kategorie Sachbuch/Essayistik).

Affendasein, Kriegsgebiet und Hexenjadgen

Heike Behrend setzt ihre Akzente, indem sie jedes Kapitel jeweils einem ihrer Forschungsaufträge widmet. Sie beginnt in Kenias Tugenbergen, wo sie das Alltagsleben der dortigen Einwohner kennen lernte. In Uganda bewegte sie sich in einem Kriegsgebiet und forschte später über die Nachwirkungen davon auf die Gesellschaft. Zum Schluss beobachtete sie den künstlerischen Umgang mit Fotografie an der ostafrikanischen Küste. Titelgebend für das Buch ist ihr Leben in den Tugenbergen. Dort nämlich wurde sie von den Einwohnern als “Affe” eingeordnet. Eine Kategorie, die zwar wenig schmeichelhaft ist, aber die Möglichkeit zur Entwicklung bietet. Über diverse Rituale und über die Zeit hinweg kann die Gesellschaft einen “Affen” durchaus zum Mitglied der Clans befördern.

Dafür gibt es in den Tugenbergen entsprechende Muster. Auch Behrend gelang ein Aufstieg, weil die Bewohner merkten, dass es der fremden Frau in ihrer Mitte trotz all ihrer merkwürdigen Gepflogenheiten und aller Missverständnisse ernst war mit dem Interesse an ihrer Region. Und irgendwann ging Behrend auf, dass ihr Beiname nicht nur auf Traditionen beruht. Während der Kolonialzeit sprachen die weißen Besatzer den Afrikanern das Menschsein ebenfalls ab, mit denselben Wörtern.

Wir lernen, wie unverzichtbar Missverständnisse für den Forschungsprozess sind und dass die Ausgrenzung von „Eindringlingen“ viele Formen annehmen kann, sich aber mit gegenseitiger Geduld und gutem Willen immer wieder auch überwinden lässt.

aus der Jurybegründung zur Nominierung

Ihre Jahre in Uganda bauen ungeplant aufeinander auf, wenn man sich ihre Erzählungen rückblickend anschaut. Heike Behrend forschte zunächst über eine Rebellengruppe, die von einem christlichen Medium und deren Visionen geleitet wurde. Der Bürgerkrieg hinterließ Misstrauen und Unsicherheit und so fand die Ethnologin ihren nächsten Schwerpunkt: Die intensiv beeinflussende katholische Kirche und das plötzlich massenhafte Auftreten von Kannibalen. Überrascht stellte sie nach mehreren Jahren fest, dass die vermeintlichen “Kannibalen” verschwunden waren, sobald das Land wirtschaftlich und gesellschaftlich wieder stabil war. Und wieder erkennt sie eine Parallele: Nicht nur die Ugander brauchten offenbar einfach ein Ventil für massive Ängste — auch die Kolonialherren verpackten ihre Ängste hinter solchen Figuren.

Scheitern, Missverständnisse und gegenseitige Beeinflussung

Am Ende eines Forschungsauftrags steht eine Veröffentlichung. Was auf diese Weise geklärt schien, rafft Behrend rückblickend nun noch einmal zusammen. Sie stellt vieles von dem fest, was sie zuvor teils nicht gesehen hatte, teils im wisschenschaftlichen Rahmen nicht veröffentlicht hätte. Sie schreibt offen über gescheiterte Phasen ihrer Forschung und darüber, wie sich “Forschungsobjekte” die Mechanismen der Forschung zunutze machen, um sich gezielt zu positionieren. Wie viel Erkenntnis steckt aber in Videos oder Erzählungen, die zum Beispiel von Rebellen vorbereitet wurden, um ein bestimmtes Image zu verbreiten?

Behrend merkt auch an, dass sich die Zusammenarbeit mit den Menschen vor Ort verändert, je nachdem, wie sie die Ethnologin (und auch andere Ethnologen und Ausländer) wahrnehmen. Ein Beispiel berichtet sie aus ihrer Zeit in Uganda, wo einige kritische Äußerungen zur Kirche so schlecht ankamen, dass ihre Forschungen über religiöse Einflüsse ausgebremst wurden.

Ethnologen kritisierten auch die gängige Ansicht, dass das vormoderne Afrika erst durch die Kolonialisierung modernisiert worden sei. Die Sicht von der Moderne als europäischem Exportgut unterschlägt den bedeutenden Anteil, den Afrikaner ihrerseits ihrerseits an der Entstehung und “Erfindung” des Westens und der Moderne hatten.

Kluger Einblick in ethnologische Forschung und das miteinander Leben

Zur Betrachtung der eigenen ethnologischen Forschung gehört auch das Nachdenken über die Ethnologie insgesamt. Ihr Wirken hat sich, so Behrend, in den letzten 50 Jahren stark gewandelt, nachdem klar geworden war, die stark die Ethnologie mit der Kolonialisierung verknüpft gewesen war. Bis heute wirken Folgen davon in Forschungen nach, wie die Autorin an Hand ihrer eigenen Erlebnisse ausführt. Die vermeintliche Autorität, mit der Forscher meinten, “die fremde Kultur besser zu verstehen als ihre Mitglieder” wurde zum Dialog verschoben, der die Afrikaner als eigenständige Quelle des Wissens anerkannte. Nicht zuletzt, weil afrikanischen Stimmen selbst ihre Erfahrungen veröffentlichten und ihre Stimmen ohne Zwischenhändler publik wurden.

Die Reflexion in diesem Umfang kommt mit Gewinn. Denn bei Behrend steht immer die Frage im Raum, wie Menschen miteinander zurecht kommen und aufeinander zugehen können, egal, wie unklar jeweils die anderen Kulturen erscheinen. Wie Petra Wiemann in ihrer Rezension richtigerweise schreibt, ist Fremdsein eine globale Erfahrung, der sich viele Menschen, oft unfreiwillig, aussetzen.


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Mehr Erkenntnisse …

Mein Buch besitzt so einige eingeklebte Marker an Stellen, die mir aufgefallen sind. Eine davon die folgende, bei der ich an die aktuelle tobende Diskussion denken muss, ob einige Länder dieser Welt mit günstigen Medikamenten gegen die Corona-Pandemie unterstützt werden können, sollen oder müssen. Die Diskussion tobt nicht zum ersten Mal:

Das Verhalten der westlichen Pharmaindustrie, die sich weigerte, die Medikamente billig nach Afrika zu verkaufen, und die zentrale Rolle Südafrikas im Kampf um Generika, wurden auch in Tooro genau zur Kenntnis genommen, bewiesen sie doch, dass das Leben von Afrikanern auf dem Weltmarkt weniger wert war als das von Europäern.

Heike Behrend über den späten Einsatz von AIDS-Medikamenten in Uganda

Ein weiterer Marker klebt im Nachwort von Heike Behrend. Sie erzählt die Anekdote von einem französischen Forscher in Gabun, der Mitte des 19. Jahrhundert erstmals einen Gorilla gesehen hatte. Seine einheimischen Begleiter erklärten im daraufhin, seine Verwandtschaft mit dem Riesenaffen sei größer als ihre. Warum das? Damals versuchten europäische Forscher, bei “den Wilden” einen so genannten “missing link” zwischen Mensch und Affe zu finden. Schon damals hatten die Einheimischen begriffen, was die Europäer ihnen da an den Kopf warfen und konterten diesem Forscher gegenüber. Hier schließt sich für mich ein Kreis zu Lukas Maisel und seinem Buch der geträumten Inseln, der sich in seinem Debutroman sehr kritisch über Kolonialisierung und den Umgang mit der Umwelt äußert. So ein vermeintlicher “missing link” spielt in seiner Geschichte eine tragende Rolle.

Bibliografische Angaben

Verlag: Matthes & Seitz
ISBN: 978-3-95757-955-3
Erstveröffentlichung: 2020

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