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Intermezzo XVII mit Büchern von Louise Penny, Sandra Hughes sowie Martin Oesch und Ralph Weibel

Intermezzo XVIII

Martin Oesch, Ralph Weibel – Tatort Bodensee: Der Fall Winterbergs

Martin Oesch, Ralph Weibel - Tatort Bodensee: Der Fall Winterbergs

Manchmal liegen auch am idyllischen Bodensee Leichen, da, wo andere Ferien machen. Kurz vor einer Vernissage wird die Kuratorin erschlagen aufgefunden und unter Verdacht gerät ein regional sehr bedeutender Geschäftsmann. Mit eben jenem Robert Winterberg geht es ab Verhaftung bergab: Praktisch jeder, der mit ihm zu tun hatte, sieht seine Chance gekommen und lässt ihn fallen. Die Ehefrau genauso wie die anderen Bierbrauer der Region, die sich heimlich über ihre Vertriebsgebiete abgestimmt hatten. Der ambitionierte Fußballverein, der sich mit einem Präsidenten unter Mordverdacht nicht mehr blicken lassen will. Im örtlichen Nobelrestaurant hat er offenbar auch verbrannte Erde hinterlassen und die Presse schießt sich auf das gefunde Fressen akribisch ein. Der verantwortliche Journalist wittert allergrößte Karrierechancen. Angriffsfläche bietet der umtriebige Winterberg nicht nur in geschäftlicher Hinsicht, auch beim Privatleben genug.

Die Handlung spielt sich rund um Kreuzlingen ab, doch herkommen und Schauplätze abklappern lohnt in diesem Fall nicht. Oesch und Weibel nutzen die Kulisse eher, um ein paar lokale Details ein bisschen durch den Kakao zu ziehen. Den Krimi an sich übrigens auch. Es kann vorkommen, dass sich die Figuren an dich, den Leser und die Leserin, wenden. Zum Teil sehr boshaft, denn welche aufrechten Beweggründe hat bitteschön jemand, der intime Details mitliest oder einen Mordfall unterhaltsam findet?

Hier kocht jeder sein eigenen Süppchen, die Polizei hat keinen Überblick. Das ganze restliche Ensemble im Buch ebenso wenig. Hier kommt niemand gut weg, aber echte Sympathiefiguren würden zu diesem Gemenge auch nicht passen. Ich vermute, das Autorenduo ging beim Schreiben ungefähr so vor wie der dänische Koch der Muppet Show. Mittlerweile sind Krimis, die vor so gar nichts Respekt haben, nicht mehr ganz mein Fall.

Verlag: Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2869-2
Erstveröffentlichung: 2021

Sandra Hughes – Tessiner Verwicklungen

Sandra Hughes - Tessiner Verwicklungen

Deutlich mehr nach meinem Geschmack sind da schon die neuen Ermittler Emma Tschopp und Marco Bianchi. Die Basler Polizistin Tschopp baut im Tessin gerade Ferientage ab. Wie praktisch für die Kollegen, dass sie beim Mord an einer Baslerin im idyllischen Meride schon jemanden vor Ort haben. Tschopp wird mit dem lokalen Commissario Bianchi ermitteln, wer die junge Fremdenführerin in der Nudelmanufaktur Savelli erschlagen hat. Eine Frau, die gerade erst seit ein paar Monaten da ist und den kleinen Ort nach einer Auszeit sicher wieder verlassen wollte.

Zwar kokettiert der Klappentext mit Charakterstereotypen, aber die beiden Ermittler kommen weder sonderlich verschroben an, noch sonst sonderlich sonderbar. Sie sind ziemlich normal und unterscheiden sich in einem Maß, in dem sich normale Menschen an einem Arbeitsplatz eben unterscheiden. Danke. Tschopp ist jemand, der gerne mit Intuiton arbeitet — oft genug einfach funktionierende Menschenkenntnis. Und die braucht’s in einem Fall tatsächlich, in dem eine ganze Familie unter dem Druck eines hartherzigen Patrone leidet. Ein Druck, der für ein wahrhaft unangenehmes Familienleben verantwortlich ist.

Hughes verknüpft in einem zweiten Erzählstrang die unsägliche Geschichte einiger Schweizer Kinderheime mit der Nudeldynastie Savelli. Unter Leitung von Nonnen erlebten zahllose Kinder Misshandlungen und Missbrauch, bis in die 1970er Jahre hinein. Ein behördlich gestütztes System, denn die dort untergebrachten Kinder wurden ihren Eltern oft systematisch weggenommen. Das sind Kapitel, die in keinem Land gerne aufgearbeitet werden. Hughes verriet in einem Interview, dass sie hier nicht nur die Aufarbeitung interessierte. Sie beschäftigte sich auch mit der Frage, was passieren müsse, damit Menschen (in diesem Fall Nonnen) überhaupt so weit gehen, andere zu quälen. Nicht davon täuschen lassen, dass sich dieser Krimi sehr flott liest, es steckt was drin.

Verlag: Kampa
ISBN: 978-3-311-12013-1
Erstveröffentlichung: 2020

Louise Penny – Das verlassene Haus

Auch Louise Penny konnte mich mehr begeistern als die Bodensee-Satire. Nachdem ich zunächst Fall Nummmer 13 eingestiegen bin, folgte nun Fall Nummer 3. Keine Sorge, es lässt sich ohne Vorkenntnis mischen. In Three Pines geht eine Séance richtig schief: Eine Teilnehmerin stirbt — vor Schreck. Armand Gamache findet bei kleinen Vorermittlungen heraus, dass jemand nachgeholfen hat. Also Mord. Gamache und sein Team nisten sich im Dorf ein und fühlen den sonst so netten Bewohnern intensiv auf den Zahn. Gamache sammelt Fakten und Labordaten, aber er weiß genau, dass sie nur die Hälfte der Aufklärung in diesem Mordfall ausmachen.

Nein, die Antworten fanden sich in etwas, das aus Fleisch und Blut war, nicht in einem Buch und nicht in einem Bericht. Oft nicht einmal in etwas Greifbarem, sondern in irgendetwas, das man nicht fassen und festhalten konnte. Die Antworten auf seine Fragen fanden sich in der dunklen Vergangenheit und den Gefühlen, die dort verborgen waren.

Ein zweiter Erzählstrang widmet sich der Vergangenheit an der Sûreté. Ein gewisser Superintendent Arnot kümmerte sich nicht die Bohne um Gesetze und Pflichten, sondern entwickelte ein ganz eigenes System von Korruption und Machtmisssbrauch. Loyale Mitarbeiter machten mit, hielten dicht und (hier spoilere ich sicher nicht, ihr könnt es euch bei einem Krimi denken) Arnots Gruppierung schreckte auch vor Mord nicht zurück. Gamache kam den Greueltaten auf die Schliche und Arnot verschwand hinter Gittern. Dass Arnot erwischt wurde, ist das Eine. Das Andere ist die Art, wie Gamache Arnot hinter Gitter brachte und das bringt die noch vorhandenen Arnot-Anhänger wirklich auf die Palme. Während sich Gamache in Three Pines um die Séance kümmert, nehmen diese Anhänger Gamache mit Hilfe der Presse unter Beschuss. Und Gamache hat keine Ahnung, wer die undichte Stelle ist. Je länger ich mir dieses Buch durch den Kopf gehen lasse, umso mehr bleibe ich an diesem Erzählstrang kleben statt an der Krimihandlung. Nach all den Jahren Krimilesen geht mir dieser „Korpsgeist“, auf den Arnot zählen wollte und den Gamache links liegen lässt, nicht nur auf die Nerven. Er ist schlicht gefährlich.

Verlag: Kampa
ISBN: 978-3-426-30460-0
Originaltitel: The cruelest month
Erstveröffentlichung: 2007
Deutsche Erstveröffentlichung: 2009
Übersetzung: Andrea Stumpf, Gabriele Werbeck

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