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Titelbild zu: "Bücher Intermezzo VIII" mit den Titeln Amélie Nothomb - Happy End, Maria Cecilia Barbetta - Nachtleuchten, Sibylle Ciarloni - Bernstein und Valencia

Intermezzo VIII

Amélie Nothomb – Happy End

Wer Romane von Amélie Nothomb liest, wird sich vielleicht für gewisse Szenen an ein Märchen erinnert fühlen. Bei Happy End trifft das auf das gesamte Buch zu. Nothomb erzählt ein altes Märchen von Charles Perrault neu, versetzt in unsere heutige Zeit, ins moderne Paris.

Sie lässt einen unglaublich klugen, aber hässlichen jungen Mann auf eine unglaubliche schöne junge Frau treffen, die ihrerseits nicht allzu begabt ist. Die beiden verlieben und ergänzen sich fortan perfekt. Soweit ist das in Kürze die Handlung, die auch bei Perrault zu finden ist. Das Buch stellt das originale Märchen im Anschluss an Nothombs Geschichte noch in voller Länge vor.

Was Nothomb ergänzt, ist eine Vorgeschichte. Sie gibt den Figuren jeweils einen persönlichen Fingerabdruck, verleiht ihnen Interessen und lässt sie weitaus intensiver mit anderen aufeinandertreffen. Besonders Déodat bekommt ein Innenleben, das die Autorin ähnlich aufbaut, wie sie es in Metaphysik der Röhren bereits getan hat: Déodat verfügt bereits als Baby über die Fähigkeit, das Geschehen um ihn herum zu reflektieren.

Die Grundidee der Geschichte bleibt gleich: Was ist Schönheit und wie definieren wir das eigentlich? Wer definiert das? Das gesellschaftliche Konstrukt erweist sich unter bestimmten Bedingungen als hinfällig und durch andere Fähigkeiten ersetzbar. Und nicht nur das. Andere Fähigkeiten oder Eigenschaften sind manchmal auch wichtiger.

Verlag: Diogenes
ISBN: 978-3-257-07042-2
Originaltitel: Riquet à la houppe
Erstveröffentlichung: 2016
Deutsche Erstveröffentlichung: 2018
Übersetzung: Brigitte Große (Novelle), Hans Krause (Märchen)

Maria Cecilia Barbetta – Nachtleuchten

Argentinien, Mitte der 1970er Jahre. Die Menschen sind in Aufbruchsstimmung. Peron ist nach 18 Jahren im Exil zurück und alle hoffen auf eine so gute Zeit, wie sie ihn während seiner vorigen Regierungszeit in Erinnerung haben. Doch die Militätdiktatur wirft bereits ihre Schatten voraus.

Barbetta wählt drei Schwerpunkte, um in die Aufbruchsstimmung langsam aber sicher immer mehr Vorzeichen einzustreuen. Sie lässt die Mädchen einer Klosterschule in Ballester ebenso zu Wort kommen wie die Leute in der Autowerkstatt oder jene, die Zuflucht im Okkultismus suchen. Sie verbindet zahlreiche Menschen miteinander, die in verschiedenen Rollen im Roman immer wieder auftauchen und das Geschichtennetzwerk lose verknüpfen.

Zum alles verbindenden Element bis zum Ende aber wird eine kleine Madonnenfigur, die nachts phosphoresziert und das namensgebende Nachtleuchten erzeugt. Sie wandert, initiiert von der Schülerin Teresa, im Viertel von Hand zu Hand und bekommt am Ende das hundertste Kapitel für ihre eigene Stimme, die Rückblick, Zeitgeschehen und Zukunftsvision gleichzeitig sein wird.

Je weiter der Roman voranschreitet, umso mehr Vorzeichen zum politischen Wechsel baut Barbetta ein. Wie zum Beispiel die beiden Polizisten, die mit jedem Auftreten dreister werden und am Ende sogar mit einer paramilitärischen Untergrundorganisation liebäugeln, die es in Argentinien tatsächlich gegeben hat. Oder die drohenden Worte eines gehörnten Ehemannes an seinen Nebenbuhler, die geradezu programmatisch geraten. Einen ausführlichen Lesungsbericht von mir findet ihr auf dem Onlineportal Thurgaukultur.

Verlag: S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397289-4
Erstveröffentlichung: 2018

Sibylle Ciarloni - Bernstein und Valencia

Sibylle Ciarloni – Bernstein und Valencia

Über die Kurzgeschichten von Sibylle Ciarloni habe ich einmal Folgendes gelesen:

Es ist Coolness, mit der Ciarloni dem Untergehen ihrer Figuren begegnet. Ein fast genüssliches Austarieren des Abgrunds …

Offiziell ist das die Rückmeldung zu einer der 22 Erzählungen in diesem Buch, gefühlt passt es auf sehr viel mehr. Es gibt Seitensprünge, die man besser hätte sein lassen, mit bösen Folgen und schalem Nachgeschmack. Es gibt Träume, die entgleiten und Träume, aus denen man kaum ohne Verwirrung zu erwachen vermag. Sibylle Ciarloni entwickelt die Ausgangslagen ihrer Geschichten grundsätzlich unerwartet und führt durch teils experimentelle Realitäten.

Das Titelstück “Bernstein und Valencia” (zu dem auch der dekorative, prägegedruckte Hummer gehört), führt in eine unschöne Zukunft. Die Umwelt rächt sich für die erlittene Klimaschädigung mit einem markant angestiegenen Meeresspiegel, der den Menschen nur noch felsige Inselchen zum Leben übrig lässt. Eng bebaut, dicht besiedelt und eine Stimmung, in der so mancher sich aus freien Stücken lieber “den Haien hingegeben hat”. Welche Veränderung könnte unser Schicksal verbessern? Wenn der Mensch heute nichts ändert, muss er es eben später — ohne Veränderung geht es nicht, die grenzenlose Ausbeutung verlangt irgendwann Opfer. Ciarloni löst in eine dieser unerwarteten Wendungen auf.

Für mich immer verbunden ist gerade diese Story mit der Klangkünstlerin und Musikerin Rahel Kraft, die mit Ciarloni zusammen Performances und szenische Lesungen entwickelt hat (nicht nur zur Titelgeschichte, doch hier ist für mich die eindrücklichste Verbindung). Mehr zu dieser Performance im Onlineportal Thurgaukultur.

Verlag: Knapp
ISBN: 978-3-906311-44-9
Erstveröffentlichung: 2018

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