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Mavis Doriel Hay – Geheimnis in Rot

Mavis Doriel Hay - Geheimnis in Rot

Klett-Cotta gräbt mit Hingabe Krimiklassiker aus: Dieses Mal ein Werk von 1936, das 2013 auf dem englischen Markt nach seiner Wiederentdeckung neu veröffentlicht wurde. Den deutschen Markt hatte dieses Buch nie gesehen – bis jetzt jedenfalls. Die Aufmachung gestaltete der Verlag entsprechend dem, was schon bei Rex Stout gut ankam. Als Hardcover mit Leineneinband, in einer Aufmachung also, die nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Sammeln einlädt.

Worum geht’s? Sir Osmond Melbury ist ein Patriarch alter Schule, der das Anwesen Flaxmere streng führt.

Er gab gern „das Familienoberhaupt auf dem Stammsitz der Familie“. Irgendeine Rolle spielte er immer, und ich glaube, das war der Grund dafür, dass er in materieller Hinsicht so erfolgreich war. In jeder Phase seines Lebens studierte er die dazu passende Rolle ein und legte sich das entsprechende Auftreten zu. Nie aber versuchte er auch nur, Vater dieser Familie zu sein; wahrscheinlich war er der Meinung, wir hätten unseren Part als Mitglieder der Familie in seinem Kopf zu spielen.

Das kann in einem alten englischen Krimi nicht lange gutgehen. Seine Machtspielchen laden geradezu dazu ein, ihm den Garaus zu machen. Die eine Tochter hält er kurz, weil sie nach seinem Geschmack zu schlecht geheiratet hat. Die Jüngste soll gar nicht erst heiraten, solange er nach dem Tod seiner Frau noch Gesellschaft auf Flaxmere benötigt. Und wenn, dann nur „seinen“ Lieblingsbewerber, der, damit er der Tochter nahe sein kann, als Weihnachtsmann angeheuert wird. So geht’s bei Melburys in einem fort.

Es kommt also, wie es kommen muss und wie es der Klappentext so spitzzüngig formuliert: „Tante Mildred hat es schon immer geahnt: Die Verwandtschaft an Weihnachten zu versammeln ist keine gute Idee.“ Der werte Sir Melbury stirbt in der Nacht mit einer Kugel im Kopf. Ausgerechnet der Weihnachtsmann könnte der Täter gewesen sein – ist er das „Geheimnis in Rot“?

Großartige Whodunit-Tradition

Erzählt wird der Krimi aus verschiedenen Perspektiven; im Wesentlichen aber ist es Colonel Halstock, einem Nachbarn. Hay kombiniert diesen Erzählstrang mit Berichten einiger Familienmitglieder, die als eine Art Zeugenaussage angefordert wurden. Eigentlich eher, damit die Gäste auf dem Anwesen mit etwas Sinnvollem beschäftigt waren. Freilich beschäftigen solche Elemente auch sämtliche Leser:innen, denn grundsätzlich wären bis zum Ende in der Regal alle Hinweise da, um dem Täter auf die Spur zu kommen.

Garniert wird das Krimirätsel mit einem Grundriss des Hauses, wie es gerne bei klassischen Whodunit eingesetzt wird. Wo kann der Täter sich versteckt haben? Welche Zugänge funktionieren unbeobachtet und wo liegen die Fenster? Wo steht der Schreibtisch?

Eine kleine Perle ihrer Zeit

Über Mavis Doriel Hay weiß man offenbar wenig, wie ein Artikel der britischen Autorin Carol Westron zeigt. Hay schrieb gerade einmal drei Krimis und hörte dann schlagartig auf. Sie war zu derselben Zeit in Oxford wie Dorothy L. Sayers und für ihren ersten Krimi „Murder Underground“ bekam Hay von Sayers eine sehr positive Besprechung in der Sunday Times:

‚This detective novel is much more than interesting. The numerous characters are well differentiated, and include one of the most feckless, exasperating and lifelike literary men that ever confused a trail.“

Überhaupt ist der Artikel von Weston sehr zu empfehlen, weil er nicht nur die anderen Krimis mit vorstellt, sondern auch Hays Leben, soweit bekannt, nachzeichnet. Zwar hat Hay wenig Krimis publiziert, dafür scheint sie zu ihrer Zeit damit gut angekommen zu sein. Alle anderen Bücher, die sie veröffentlichte, erschienen unter ihrem späteren Ehenamen Mavis Fitzrandolph und drehten sich um Handwerk.

Hoffen wir, dass Weihnachten nicht ganz so übel ausfällt wie auf Flaxmere … wenn die krümelige Verwandtschaft zu sehr nervt, weichen wir auf den Sessel mit einem kleinen Weihnachtskrimi aus.

Bibliografische Angaben

Verlag: Klett-Cotta
ISBN: 978-3-608-96189-8
Originaltitel: The Santa Claus Murder
Erstveröffentlichung: 1936
Deutsche Erstveröffentlichung: 2017
Übersetzung: Barbara Heller

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