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Philipp Tingler – Rate, wer zum Essen bleibt

Es gibt diese Art von Jobs, die für den gelegentlichen Karrieresprung ein Abendessen nötig machen. Natürlich nicht im Restaurant, sondern adrett im trauten Heim. Alles schön herrichten, ein leckeres Menu zaubern und dann wohlwollende Konversation ohne Pannen, bis der Chef beeindruckt geht. Bei Franziska steht solch ein Pflichtessen an. Sie sieht sich schon zu lange in der Position einer Assistenzprofessorin. Nun will sie den Dekan mit Hilfe der Einladung davon überzeugen, dass sie genau die Richtige für eine Stiftungsprofessur ist.

Ihr selbstverliebter Partner Felix spielt dabei eine erhebliche Rolle. Der arbeitet nämlich als Kritiker in einer Büchersendung des Fernsehens und wird von der Professorengattin entsprechend verehrt. Franziska ist das hochwillkommen, denn sie verspricht sich davon einen begünstigenden Einfluss.

Ich habe ewig versucht, eine geistreiche Bemerkung auf unter 300 Zeichen zu komprimieren, damit ich sie tweeten kann. Ich bin zu alt dafür.

Kopfkino mit samtroten Sesseln

Philipp Tingler ist eine knallige Komödie gelungen, die mich sehr ans Boulevardtheater erinnert: Eine unspektakuläre Situation gerät völlig aus den Fugen und die Schauspieler verstecken sich, erfinden Ausreden, leiden unter Verwechslungen und verwirren alles nach Kräften. Am Ende fügt sich alles innert Minuten zum Guten. Im Falle Tingler tritt das Chaos in Gestalt von Conny auf. Die Studienfreundin von Felix löst mit ihrer übergroßen Klappe einen Horrorabend aus. Statt Franziska danach in ihrem Elend alleine zu lassen und zu verschwinden, muss sie krankheitsbedingt noch ein paar Tage bleiben. Fünf insgesamt und damit der Trubel nicht abbricht, kommen noch ein paar Besuche mehr auf die Bühne.

“Zissel, du bist das Beste, was mir passieren konnte.”
“Dann kommst du zu wenig vor die Tür.”

Conny tritt allerdings so ätzend und derart unsensibel auf, dass Franziska ernsthaft fragt: Wie kann man nur mit ihr befreundet sein? Im Boulevardtheater geht sowas. Solche überzogenen Figuren sind am Ende halt wegen Danebenbenehmens gerne die Gelackmeierten. Im echten Leben würden wir so jemanden nach dem Studium sehr schnell vergessen.

Beim Erzählen außerhalb der bissigen Dialoge ist der Ton nicht immer so locker. Mitunter umständlich. Vielleicht muss man die “leptosome Hand” oder die “proto-autistische Spiegeltrinkerin” googeln. Sowie sich ein kleines bisschen wundern über altmodische Sequenzen wie “nach Erledigung der konversationellen Höflichkeiten ging man alsbald zu Tische”. Über das Buch hinweg aber dominierte, trotz einiger seriöser Einsprengsel, immer die Theateratmosphäre. “Rate, wer zum Essen bleibt” ist ganz sicher ein amüsantes Buch, das die Zeit vertreibt.

Bibliografische Daten

Verlag: Kein & Aber
ISBN: 978-3-0369-5814-9
Erstveröffentlichung: 2019

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