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Gilbert Adair – Mord auf ffolkes Manor

Gilbert Adair – Mord auf ffolkes Manor

Das weihnachtliche Beisammensein auf dem Landsitz ist ruiniert: Im Zimmer unter dem Dach liegt der tote Raymond Gentry. Und nur eine Person im Haus scheint so richtig traurig darüber zu sein, nämlich die Tochter des Hauses, Selina. Sie hatte Gentry unangekündigt als Begleiter zu Weihnachten mitgebracht. Doch während sie ganz begeistert davon war, dass der junge Mann alles „tiefsinnig“ fand, ging er allen anderen, der Familie von Colonel ffolkes ebenso wie ihren Gästen, gehörig auf den Geist. Und nicht nur das. Praktisch jeder im Haus hatte mit ihm eine Rechnung offen: Gentry arbeitete für die Klatschpresse und war über alle möglichen Fehltritte der Gäste auf ffolkes Manor im Bilde.

Gilbert Adair-Mord auf ffolkes Manor

Klar ist, dass der Täter noch auf ffolkes Manor sein muss. Die Tür zum Dachzimmer war abgeschlossen, das Fenster verriegelt. Dorf und Landsitz sind nahezu eingeschneit. Es gelingt mit Mühe, den pensionierten Chefinspektor Trubshawe ins Haus zu holen, damit dieser erste Ermittlungen anstellen kann, bevor die Polizei geholt werden kann. Allerdings ist die scharfsinnige Seele im Haus Evadne Mount, eine bekannte Krimiautorin. Zwar betont sie ständig, dass die niemals Locked-Room-Krimis schreiben wolle, das überlasse sie lieber John Dickson Carr. Doch den Mord unter dem Dach ihres Gastgebers lässt ihr freilich keine Ruhe.

Satire, Hommage, Pastiche

Gilbert Adair holt im ersten Teil seiner Evadne-Mount-Trilogie alles raus, was an Hommage an die englischen Krimiklassiker möglich ist. An originale Vorbilder erinnernde Namen sind also wenig Zufall wie die übliche Zeichnung zur Lage der Zimmer — nur dass sie in diesem Fall absolut keinen Zweck erfüllt. Adair nimmt definitiv nicht alles ernst. Evadne Mount zum Beispiel beschenkt den Gastgeber regelmäßig mit ihren Krimis, obgleich sie genau weiß, dass dieser sie nie liest. Es gibt ihr ausreichend Gelegenheit, gegen den Colonel zu sticheln. Sie erklärt fröhlich die Aufklärung einiger Romane und torpediert Trubshawe mehr als nur ein Mal dessen Befragungen.

Zu Weihnachten liest sich dieser Krimi gewiss mit besonderem Vergnügen. Aber nicht nur. Die humorvolle Annäherung an die klassische Locked-Room-Struktur macht aus dem Roman mehr als nur ein Versuch der Wiederbelebung alter Traditionen.

Ein kleines Bijou, das mir besonders gefallen hat: Evadne Mount erklärt gegen Ende des Romans einen Trick von ihr, wie sie den Cliffhangersatz „Und der Mörder ist …“ bei ihren Romanen stets so unten an der Seite platziert, dass die Leserinnen und Leser für den Namen umblättern müssen. Zum Haareraufen für Verleger und Druckerei streicht oder verlängert sie ihren Text so lange, bis es passt. Tatsächlich bekommt das auch die deutsche Fassung hin, doch in Adair-Manier ein raffiniertes bisschen anders als die Stichwortgeberin.

Die alte Ausgabe der Adair-Reihe, die ich gelesen habe, ist längst vergriffen und nur noch antiquarisch zu bekommen. Doch der Charme der Serie überzeugt weiterhin: 2021 wurde der Mord auf ffolkes Manor im Kampa-Verlag unter dem Oktopus-Label neu aufgelegt mit dem Titel „Oh dear! Miss Mount und der Mord im Herrenhaus“. Wer’s gerne druckfrisch haben möchte, wird im Zürcher Verlag fündig und ich finde, es lohnt sich.

(… und sagt mir bei der Gelegenheit bitte, ob die Zürcher dieses „Bijou“ richtig umgesetzt haben …)

Bibliografische Angaben

Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-43286-4
Originaltitel: The act of Roger Murgatroyd
Erstveröffentlichung: 2006
Deutsche Erstveröffentlichung: 2006
Übersetzung: Jochen Schimmang

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