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Jasmin Schreiber – Marianengraben

Jasmin Schreiber - Marianengraben

Für die Studentin Paula bricht im wahrsten Sinn des Wortes die Welt zusammen, als ihr kleiner Bruder Tim beim Schwimmen ertrinkt. Sie quält sich mit Vorwürfen, ob sie das nicht hätte verhindern können und verkraftet die Leere neben ihr nicht. Ihre Doktorarbeit in Biologie legt sie auf Eis — monatelang, jahrelang. Eine Depression, so tief wie der Marianengraben, hält sie fest, in ihrem Zimmer, von anderen Menschen weg. Nach einer Ewigkeit traut sie sich mal wieder an sein Grab, nachts, wenn sonst niemand da ist. Augerechnet in dieser Nacht trifft sie auf den Rentner Helmut, der sich um das Grab seiner großen Liebe Helga kümmert. Auch er hat Gründe, nicht tagsüber zu kommen.

Ein kleines blödes Missgeschick verbindet unvorhergesehen die nächtlichen Friedhofsbesucher: Ohne recht zu wissen, wie es dazu gekommen ist, begleitet Paula Helmut in dessen Wohnmobil in die Berge. An seinem Heimatort hat er noch etwas zu erledigen.

Kann man mit Humor trauern?

Unbedingt, stellt man spätestens mit dem Buch von Jasmin Schreiber fest. Denn Humor ist weitaus mehr als Witze reißen und braucht nicht einmal Publikum. Ich habe einmal gelesen, Humor sei “die Gabe, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen, den Schwierigkeiten und Missgeschicken des Alltags mit heiterer Gelassenheit zu begegnen”. Mir fällt da kein absoluteres Ereignis ein als der Tod, der mit ausschließlicher Contencance tatsächlich nicht zu ertragen ist.

Dabei wirft der Tod einen in ein Wechselbad der Gefühle, das oft nicht einmal nachvollziehbar ist. Das geschieht Paula in Marianengraben natürlich nicht anders. Denn erst nach der Begegnung mit Helmut beginnt Paula mit der eigentlichen Trauerarbeit, die sie zwei Jahre lang vermieden hatte.

Raus aus 11.000 Metern Tiefe

11.000 Meter tief ist der Marianengraben, so tief hängt Paula zunächst in ihrer Depression und so überschrieben ist auch das erste Kapitel. Jedes weitere Kapitel ihrer Reise führt sei ein paar Meter weiter nach oben, 9950 … 9720 … 8930 … Die Reise spart in ihrer kuriosen Zusammensetzung nicht an Absurdität, doch wenn man genau hinschaut, hat alles, was Paula und Helmut so treiben, seinen Ursprung in Liebe und Fürsorge für ihre verstorbenen Angehörigen.

Die große Stärke des Romans ist Schreibers Fähigkeit, Trauer und Leere in Worte zu fassen und das bei einem Thema, bei dem oft das sprachliche Vermögen versagt. Wie fühlt sich das an? Was macht Trauer mit uns? Wie geht es eigentlich weiter? Doch in dem Augenblick, in dem Jasmin Schreiber Paula ihre Stimme gibt, denke ich: Ja, genauso ist es!

Das kommt alles mit einer beeindruckenden Leichtigkeit, sehr nahbar und menschlich. Und genau diese Sprache macht das Buch mit dem schweren Thema so gut lesbar, zwischen emotionalen Tiefen und großer Erleichterung. Die Sprache nimmt den Leser praktisch an der Hand, führt ihn in Paulas Abgrund hinein und mit ihr wieder heraus.

Das Schlimme an der Trauer ist ja, dass sich die Welt um einen herum einfach weiterdreht. Man selbst fühlt sich grauenvoll, doch alle anderen gehen zur Arbeit, besuchen das Kino, schauen Komödien und lachen, sie schlafen ganz normal und ja … leben eben ihr Leben. […] Der Alltag geht halt so voran und schleppt einen auch irgendwie mit. Und was einem da vielleicht so vorkommt, als sei es eine unglaubliche Qual, ein furchtbarer Affront, ist dann später auch die einzige Chance, wieder zurechtzukommen.

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Bibliografische Angaben

Verlag: Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0042-9
Erstveröffentlichung: 2020

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