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Veronika Sutter – Grösser als du

Veronika Sutter - Grösser als du, auf der Shortlist zum Schweizer Buchpreis 2021

Die fünfzehn Erzählungen von Veronika Sutter waren in diesem Jahr für den Schweizer Buchpreis nominiert. Spät erst habe ich meine Finger an dieses Buch bekommen. Was soll ich sagen? Das Warten hat sich gelohnt. Inzwischen ist klar, dass Martina Clavadetscher den Preis 2021 erhalten hat, doch ist das absolut kein Grund, nun an den anderen drei Titeln vorbeizuspazieren. An Sutter bitte schon gar nicht.

Die Geschichten handeln von unterschiedlichen Frauen und sind zwischen den beiden großen Frauenstreiks der Schweiz 1991 und 2019 angesiedelt. Beide Anlässe brachten schweizweit hunderttausende Frauen auf die Straße. Thema bei Sutter sind verschiedene Formen von Abhängigkeit und Gewalt, denen ihre Figuren ausgesetzt sind – nicht theatralisch überspitzt, sondern genau so, wie sie im Alltag erlebt werden. Die Geschichten begleiten mehrere Figuren über diese Jahre hinweg und verbinden auch einige von ihnen miteinander. Sutter zeigt, wie unterschiedlich die Leben von Männern und Frauen immer noch wahrgenommen und akzeptiert werden (oder eben nicht).

Es war wie immer. Je mehr ich mich danach sehnte, mich jemandem anvertrauen zu können, umso unmöglicher erschien es mir.

Mal erleben Helen, Gloria oder Anni, Caro oder Ursula … Stalking durch Fremde oder Kollegen, mal ist es der Mann, der das Auftreten der Partnerin bestimmen will, als sei sie ein frei konfigurierbares Anhängsel. Veronika Sutter schreibt aber auch über Prügelszenen und die Schwierigkeit, sich aus den Beziehungen zu befreien, oder sexuelle Gewalt, die oft nicht einmal ansatzweise verstanden wird. Gerade in diesen wird auch ein gesellschaftlicher Prozess deutlich: Ein Polizist wird in einer der späteren Geschichten darauf hinweisen, dass eine von häuslicher Gewalt betroffene Frau sich in den 1980er Jahren der Schweiz kaum auf polizeiliche Hilfe hätte stützen können. An anderer Stelle wird deutlich, wie aber auch die Solidarisierung unter Frauen gewachsen ist.

Aufschrei in die Tiefe

Sutter verdichtet ihre Geschichten meisterhaft. Auf über 180 Seiten birgt das Buch 15 Geschichten und ich finde, in nicht einer davon kratzt die Kürze an der Intensität und Stärke. Manchmal schwingt auch etwas Humor zwischen den Zeilen mit; so wie in diesem Dialog, den ich hier leicht gekürzt wiedergebe:

„Warum reden wir in der Vergangenheit von ihm?“
„Er ist gestorben.“
„Ist das gut oder schlecht für Sie?“
Caro muss lachen. „Das hat mich noch niemand gefragt.“

Tatsächlich steckt hier ein essentieller Ansatz drin. Gefragt hat’s noch niemand und doch spielt diese Frage eine wichtige Rolle. Die Beziehungen, von denen Sutter erzählt, verlaufen so oft sehr zuungunsten der Frau (und damit meine ich nicht einmal die klar von Gewalt geprägten Beziehungen), dass Trennungen oft als Befreiung wirken und neue Energie, neue Lebenskraft freisetzen. Möglicherweise ist das ein zentraler Grund, warum ich zu einem Frauenstreik-Bildband einmal getextet habe Weil es immer noch notwendig ist: Wer sich an frei konfigurierbare Anhängsel gewöhnt hat, will sie freilich nicht hergeben (und das liefert obendrein ein passendes Stichwort für Martina Clavadetschers „Erfindung des Ungehorsams“, die ich oben bereits verlinkt und erwähnt habe).

Bibliografische Angaben

Verlag: Edition 8
ISBN: 978-3-85990-421-7
Erstveröffentlichung: 2021

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